Zwischen Angst vor politischem Einflussverlust und Euro-Beitritt.
Obwohl das Vereinigte Königreich den Euro nicht eingefĂŒhrt hat, wird der bevorsteÂhende Brexit neben den Folgen fĂŒr die gesamte EuropĂ€ische Union auch KonsequenÂzen fĂŒr die WĂ€hrungsintegration haben, schreiben PaweĆ Tokarski und Serafina Funk* in einem Essay fĂŒr die Stiftung Wissenschaft und Politik. Der Austritt GroĂbritanniens aus der EU wird bei den »Euro-outs«, also den acht Mitgliedstaaten, die den Euro nicht eingefĂŒhrt haben, die BefĂŒrchtung verstĂ€rken, dass sich ihr Einfluss auf den Willensbildungsprozess in der Union in Zukunft verringert. Diese Sorge hat zur Bildung einer neuen Koalition von Staaten gefĂŒhrt, die die Interessen der nördlichen Euro-Mitglieder und einiger LĂ€nder auĂerhalb der Eurozone vereint. Zwar ist die Debatte ĂŒber eine ErweiÂterung der Eurozone gegenwĂ€rtig abgeflaut. Der »Brexit-Moment« könnte jedoch AusÂlöser einer neuen Dynamik und Treiber sein fĂŒr eine Ausdehnung der Eurozone oder eine StĂ€rkung der Verbindung einiger Nicht-Euro-Staaten mit der Bankenunion.
Die acht Euro-outs (Bulgarien, DĂ€nemark, Kroatien, Polen, RumĂ€nien, Schweden, Tschechien, Ungarn) sind eine heterogene Gruppe von Staaten, die sehr unterschiedÂlichen Wirtschaftsmodellen folgen und auf verschiedenen Stufen der ökonomischen Entwicklung stehen. So ist beispielsweise das Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf in DĂ€nemark sieben Mal höher als das in Bulgarien. Eine erhebliche DisparitĂ€t ist auch in puncto WettbewerbsfĂ€higkeit der Nicht-Euro-Staaten zu beobachten. Dem Global Competitiveness Report 2018 zufolge geÂhören Schweden und DĂ€nemark, beide Euro-outs, zu den weltweit wettbewerbsÂfĂ€higsten Staaten. Sie belegen den 9. und 10. Platz im Ranking. Die anderen Nicht-Euro-Staaten, die von politischer InstabilitĂ€t und institutioneller SchwĂ€che gekennzeichÂnet sind, stĂŒtzen ihre WettbewerbsfĂ€higkeit immer noch auf niedrige Löhne. Auch bei der GröĂe und Bedeutung des Finanzsektors fĂŒr die Wirtschaft tun sich innerhalb der Gruppe groĂe Unterschiede auf. Der Anteil der Vermögenswerte des Bankensektors am BIP ist in DĂ€nemark drei Mal höher als in Polen. WĂ€hrend der globalen Finanzkrise standen die mittel- und osteuropĂ€ischen LĂ€nder vor immensen Herausforderungen, da sich ihr Bankensektor zu groĂen Teilen im Besitz auslĂ€ndischer Bankengruppen befindet. Dies bedeutete fĂŒr die nationalen Bankenaufsichtsbehörden, dass sie ihren Kontrollaufgaben nur in begrenztem UmÂfang nachkommen konnten. All diese unÂgleichen Voraussetzungen fĂŒhren dazu, dass die Nicht-Euro-Staaten im Hinblick auf die europĂ€ische finanzpolitische GesetzÂgebung ganz individuelle PrioritĂ€ten setzen.
Der Umstand, dass die Euro-outs in unterÂschiedlichen Stadien der ökonomischen Entwicklung stecken, wirkt sich auf die Dynamik des Wirtschaftswachstums dieser LĂ€nder aus. Die weniger entwickelten unter ihnen erzielen aufgrund des Aufholeffekts hĂ€ufig höhere Wachstumsraten. Abgesehen von Schweden und DĂ€nemark, deren WirtÂschaftswachstum 2017 leicht unter dem Durchschnitt des Euroraums (2,4%) lag, wuchsen deshalb die Volkswirtschaften jener EU-Mitglieder auĂerhalb des Euro-WĂ€hrungsgebiets, die wirtschaftlich weniÂger entwickelt sind, erheblich schneller.
Ihr VerhĂ€ltnis zum Euro und zur Eurozone gestalten die Euro-outs ebenfalls unterschiedlich. Die meisten von ihnen verfolgen eine unabhĂ€ngige Geldpolitik. DĂ€nemark ist seit 1999 Mitglied des WechÂselÂkursmechanismus 2 (Exchange Rate Mechanism 2, ERM 2). Die dĂ€nische Krone ist dadurch an den Euro gekoppelt. Schon zuvor war sie, ab 1982, an die D-Mark geÂbunÂden. Nach dem Brexit wird DĂ€nemark der einzige Staat sein, der eine Opt-out-Klausel fĂŒr die WĂ€hrungsintegration hat. Alle anderen EU-LĂ€nder sind vertraglich verpflichtet, den Euro einzufĂŒhren, sobald sie die Konvergenzkriterien erfĂŒllen. Im Fall DĂ€nemarks wurde die Ausstiegsklausel vereinbart, nachdem dort die VolksabstimÂmung ĂŒber den Vertrag von Maastricht im Jahr 1992 gescheitert und in einem weiteÂren Referendum im Jahr 2000 auch die EinÂfĂŒhrung des Euro abgelehnt worden war.
Der bulgarische Lew ist im Rahmen einer Currency-Board-Regelung mit einem festen Kurs an den Euro gekoppelt. RumĂ€nien und Kroatien unterhalten Wechselkursregime mit einem kontrollierten variablen WechselÂkurs gegenĂŒber dem Euro. Sehr speziell ist vor allem Kroatiens VerhĂ€ltnis zur GemeinÂschaftswĂ€hrung. Die Wirtschaft des Landes ist weitgehend »euroisiert«. So laufen etwa 75 Prozent der Anlagen und 67 Prozent der Verbindlichkeiten auf Euro.
Alle LĂ€nder der Gruppe sind offene VolksÂwirtschaften, die Interesse an der Vertiefung des Binnenmarkts haben. AuĂerdem forÂdern diese Staaten, dass der Euroraum neuen Mitgliedern offenstehen solle. Zugleich ist ihnen an der IntegritĂ€t des Euro-WĂ€hrungsÂgebiets gelegen, auch wenn sie die dafĂŒr notwendigen Stabilisierungskosten nicht tragen wollen. Die ungleichen ökonomiÂschen Bedingungen in den Nicht-Euro-StaaÂten und ihre unterschiedlichen BezieÂhunÂgen zum Euro und zur Eurozone machen es den Euro-outs schwer, innerhalb der EU politisch miteinander zu kooperieren. FĂŒr diese Unionsmitglieder erhöht sich damit das Risiko, nach einem Brexit an Einfluss innerÂhalb der Gemeinschaft einzubĂŒĂen.n
Den gesamten Text finden Sie hier.
* Dr. PaweĆ Tokarski ist Wissenschaftler in der Forschungsgruppe EU/Europa. Serafina Funk arbeitete als Praktikantin in der Forschungsgruppe EU/Europa. Derzeit ist sie Stipendiatin bei der französischen Nationalversammlung.
© Stiftung Wissenschaft und Politik, 2018

