Am 12. Februar organisierte United Europe in Kooperation mit dem Europa Forum Alpbach und dem Sovereign Europe Forum ein offizielles Side Event der diesjährigen Münchner Sicherheitskonferenz im Hotel Bayerischer Hof.

Die Diskussion brachte eine Gruppe von herausragenden Experten auf die Bühne: Anne-Laure De Chammard, Mitglied des Executive Board von Siemens Energy, Arancha González Laya, Dekanin der Paris School of International Affairs (Sciences Po), und ehemalige spanische Außenministerin für Auswärtige Angelegenheiten, Europäische Union and Zusammenarbeit, André Loesekrug-Pietri, Vorsitzender und Wissenschaftlicher Direktor der JEDI Foundation, sowie Ricardo Mendes, Gründer and CEO von Tekever. Moderiert wurde die Diskussion von Dr. Julia Reuss, Vorstandsmitglied bei United Europe und Public Policy Director bei META.
Die Diskussion vereinte Perspektiven aus Energie, Geopolitik, Innovation und Sicherheit – und eröffnete damit einen multidimensionalen Blick auf die aktuellen Herausforderungen und Chancen europäischer technologischer Souveränität.
Was folgt, ist kein Wortprotokoll. Es ist eine Verdichtung zentraler Themen, Spannungsfelder und Einsichten – gewonnen aus dem Gespräch unter Chatham House Rules.
Europäische Technologiesouveränität: Strategische Realität oder regulatorische Illusion? Europa versteht sich als regulatorische Supermacht – doch kann Regulierung allein technologische Souveränität sichern?
Europa schreibt die Regeln für Datenschutz. Es setzt globale Standards im Wettbewerbsrecht. Es spricht selbstbewußt über digitale Rechte und ethische künstliche Intelligenz. Doch unter dieser normativen Stärke liegt eine schwierige Frage – eine, der politische Entscheidungsträger allzu oft ausweichen:
Welche Technologien definieren Macht im 21. Jahrhundert?
Technologische Souveränität wird nicht in Reden oder Strategiepapieren erklärt. Sie bemisst sich an Halbleiterfabriken, Rechenzentren, Satelliten, sicheren Netzen und industrieller Skalierung. Sie zeigt sich in der Fähigkeit, hochentwickelte Chips zu entwerfen, unabhängige Cloud-Infrastrukturen zu betreiben und Technologie global zu skalieren.
Nach diesen Maßstäben bleibt Europa tief abhängig.
Über Jahrzehnte schien diese Abhängigkeit beherrschbar. Die Vereinigten Staaten garantierten Sicherheit. Globale Lieferketten optimierten Effizienz. Strategische Verwundbarkeiten wurden durch geopolitische Stabilität überdeckt. Diese Ära ist vorbei. Technologie ist zum zentralen Schauplatz geopolitischer Konkurrenz geworden. Abhängigkeiten, die einst harmlos erschienen, tragen heute strategische Konsequenzen.
Ein Kontinent, der seine fortschrittlichsten Halbleiter importiert, stark auf ausländische Cloud Anbieter angewiesen ist und in kritischen Verteidigungstechnologien zurückliegt, kann strategische Autonomie kaum glaubwürdig beanspruchen. Europa kann Märkte regulieren – aber nicht dominieren.
Die Vereinigten Staaten und China verstehen die zentrale Rolle von Technologie für Machtprojektion. Entsprechend investieren sie in außerordentlichem Umfang in künstliche Intelligenz, Halbleiter, Quantencomputing und Raumfahrt. Diese Sektoren sind keine bloßen Wirtschaftszweige, Sie sind Infrastruktur der Souveränität.
Europas Defizit ist kein intellektuelles. Europas Universitäten und Forschungsinstitute gehören zu den besten der Welt. Europas Ingenieure und Wissenschaftler sind hoch wettbewerbsfähig. Das Problem is strukturell: fragmentierte Kapitalmärkte, unzureichende Investitionen in Skalierung und politische Zurückhaltung, wenn Integration politisch unbequem wird.
Zu viele europäische Innovationen bleiben im Prototypstadium stecken. Zu wenige werden global. Risikokapital ist deutlich knapper als in den USA. Kapitalmärkte bleiben national segmentiert. Strategische Industrien werden häufig als innenpolitische Angelegenheiten behandelt statt als gemeinsame europäische Prioritäten.
Das Ergebnis ist ein gefährlicher Widerspruch: Europa spricht die Sprache der Souveränität, operiert jedoch in Systemen, die überwiegend anderswo entworfen, finanziert und skaliert werden.
Technologische Souveränität bedeutet nicht Autarkie. Sie verlangt nicht nach Abkopplung. Sie erfordert Pragmatismus und Anspruch: die Fähigkeit, Abhängigkeiten bewusst zu wählen, Risiken zu mindern und in kritischen Bereichen eigene, glaubwürdige Fähigkeiten zu entwickeln.
Das bedeutet: industrielle Halbleiterkapazitäten aufzubauen, ernsthaft in sichere Cloud-und Dateninfrastrukturen zu investieren, Cyberverteidigung zu stärken, Raumfahrtfähigkeiten auszubauen und Industrie- sowie Verteidigungspolitik zu verzahnen. Es bedeutet öffentliche Beschaffung strategisch einzusetzen. Es bedeutet, die Kapitalmarktintegration zu vollenden. Es bedeutet, im europäischen Maßstab zu handeln – nicht im nationalen.
Kein einzelner Mitgliedstaat kann allein mit kontinentalen Mächten konkurrieren. Der Binnenmarkt hat einst Europas wirtschaftliche Position neu definiert. Heute muss technologische Integration folgen.
Souveränität im 21. Jahrhundert wird weniger an phsysischen Grenzen ausgeübt als in Code, Chips und Rechenleistung. Regulierung ohne industrielle Tiefe schafft Hebel für andere – nicht für Europa.
Solange Ambition nicht mit Skalierung, Investition und Integration einhergeht, bleibt Souveränität rhetorisch.
By Dyria Sigrid Alloussi, Programm Direktor bei United Europe e.V.

