Beim Political Stammtisch am 12. November in Wien zeichneten United Europe Präsident Günther H. Oettinger und der ehemalige österreichische Bundeskanzler Wolfgang Schüssel ein eindringliches Bild der geopolitischen und wirtschaftlichen Lage Europas. Die Botschaft war klar: Europa befindet sich an einem entscheidenden Wendepunkt, und die Entscheidungen, die wir jetzt treffen, bestimmen, ob wir in einer sich rasant verändernden globalen Machtordnung relevant bleiben.
1. Systemkonflikt in einer neuen Weltordnung
Autoritäre Regime verfolgen ein gemeinsames Ziel: den Westen zu schwächen—seine demokratischen Werte, seine Freiheiten und das Modell der sozialen Marktwirtschaft. Gemeinsam repräsentieren sie mehr als ein Drittel der Weltbevölkerung. Ihr politischer und wirtschaftlicher Einfluss wächst.
Europa muss sich deshalb darüber im Klaren sein, wofür es steht – und bereit sein, seine Werte, Interessen und Sicherheit entschlossen zu verteidigen.
2. Europas Wettbewerbsfähigkeit steht unter Druck
Wie verwundbar die Europäische Union geworden ist, zeigt sich besonders deutlich in den globalen Handelsbeziehungen. Währen US-Exporte in zentralen Branchen wie Chemie und Pharma zollfrei nach Europa gelangen, werden europäische Waren bei der Einfuhr in die USA mit Zöllen von 15 Prozent belegt. Für Stahl, Kupfer und weiter Halbfabrikate gelten teilweise sogar Sätze von bis zu 50 Prozent.
Europa hat diesen Bedingungen zugestimmt.
Hinzu kommt eine erhebliche Abhängigkeit bei kritischen Rohstoffen: China kontrolliert rund 90 Prozent dieser Ressourcen und verfügt über einen Großteil der weltweiten Raffineriekapazitäten. Damit besitzt das Land einen strategischen Hebel, der weit über wirtschaftliche Fragen hinausreicht.
Die schonungslose Diagnose des Abends lautete: „Wir sind nicht mehr wettbewerbsfähig, nicht mehr relevant. Wir haben keine Macht.“
Umso klarer müssen Europas Prioritäten für die kommenden Jahre sein: Sicherheit und Wettbewerbsfähigkeit.
3. Kräfte bündeln, Handlungsfähigkeit stärken!
In einer Welt, die von Akteuren wie Donald Trump, Xi Jinpin und Wladimir Putin sowie von neuen Machtblöcken geprägt wird, kann Europa nur gemeinsam bestehen. Dafür muss es seine Kräfte bündeln und dort, wo gemeinsames Handeln wirksamer ist, die europäische Ebene stärken.
Künftige Generationen werden uns danach messen, wie wir diesen historischen Wendepunkt genutzt haben.
Noch aber bremst sich Europa zu oft selbst. Übergeordnete Bürokratie belastet kleine und mittlere Unternehmen ebenso wie internationale Konzerne, Start-ups und Forschungsstandorte. Wer tragfähige Lösungen entwickeln will, muss deshalb über Einzelmaßnahmen hinausdenken und das große Ganze in den Blick nehmen.
4. Der Weckruf wirkt – aber Europa muss schneller werden!
Wirtschaftlich kommt Europa seit 2015 kaum voran. Doch Krieg, geopolitische Spannungen und erschütterte Lieferketten haben einen Weckruf ausgelöst, der erste Veränderungen bewirkt.
- Die europäischen Verteidigungsbudgets steigen.
- Die Zusammenarbeit innerhalb der NATO hat an Bedeutung und Intensität gewonnen.
- Verteidigung wird auf EU-Ebene stärker koordiniert.
- Das Bewusstsein für strategische Abhängigkeiten und fragile Lieferketten wächst.
Die kritischen Prioritäten liegen klar auf der Hand: Rohstoffe, Halbleiter, pharmazeutische Resilienz, KI, Raumfahrttechnologie und eine sichere europäische Cloud-Infrastruktur.
Diese Bereiche bieten reales Wachstumspotenzial. Besonders Pharma und Deep Tech entwickeln sich bereits zu Innovationsmotoren. Doch Potenzial allein reicht nicht: Europa muss schneller entscheiden, gezielter investieren und entschlossener handeln.
5. Innovation als Europas Lebensader
Will Europa seine Wettbewerbsfähigkeit zurückgewinnen, brauch es bessere Bedingungen für Menschen und Unternehmen, die Neues schaffen. Dazu gehören:
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Innovatoren, Forschende, Universitäten und Deep-Tech-Unternehmen umfassend unterstützen
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Einen echten europäischen Kapitalmarkt schaffen, einschließlich eines offenen kapitalgedeckten Rentensystems
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Bürokratische Hürden abbauen
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mehr Vertrauen in die junge Generation und ihre unternehmerischen Fähigkeiten stärken
Europa verfügt über exzellente Forschung, hoch qualifizierte Talente und starke Unternehmen. Was häufig fehlt, sind die Geschwindigkeit, das Kapital und der politische Mut, aus guten Ideen global erfolgreiche Lösungen zu machen.
6. Die größte Gefahr ist der Stillstand
Wolfgang Schüssel brachte die zentrale Herausforderung des Abends auf den Punkt: „Wir lieben den Status quo—und der Status quo ist inzwischen die größte Gefahr.“
Europa steht vor einer grundlegenden Entscheidung: Wollen wir an einem bequemen, aber zunehmend an Einfluss verlierenden System festhalten? Oder sind wir bereit, die schwierigen Reformen anzupacken, die für eine sichere, wettbewerbsfähige und demokratische Zukunft notwendig sind?
Der Wandel wird Europa einiges abverlangen. Doch Untätigkeit wäre weitaus kostspieliger. Jetzt ist der Moment, Verantwortung zu übernehmen und Europas Zukunft aktiv zu gestalten.

