Beim vergangenen virtuellen Mitgliederbriefing von United Europe am 19.Mai setzte Günther H. Oettinger gleich zu Beginn einen klaren Akzent und formulierte eine deutliche Kritik an der aktuellen Ausrichtung der europäischen Energiepolitik: „Wir brauchen einen realistischen und pragmatischen Ansatz!“ Selbst wenn sich geopolitische Spannungen morgen entspannen würden, so betonte er, würden sich die Energiemärkte nicht innerhalb weniger Wochen normalisieren. Importstrukturen, Lieferketten und globale Energieflüsse blieben hochgradid unsicher, während Europa weiterhin erhebliche Schwächen bei der Versorgungssicherheit aufweise.
Seine zentrale Kritik richtete sich gegen das Ungleichgewicht der europäischen Energiepolitik der vergangenen Jahre. Während der Green Deal zur dominierenden politischen Priorität geworden sei, seien Bezahlbarkeit und Versorgungssicherheit zunehmend in den Hintergrund geraten. Dieses Ungleichgewicht habe Europas Wettbewerbsfähigkeit geschwächt und gefährliche strategische Abhängigkeiten geschaffen. Oettinger plädierte daher für die Rückkehr zu einem echten „Energy Triangle“, in dem Nachhaltigkeit, Bezahlbarkeit und Versorgungssicherheit gleichwertig behandelt werden – und nicht ideologisch priorisiert.
Zugleich machte Oettinger deutlich, dass Europas Energiebedarf in den kommenden Jahren massiv steigen werde. Elektrifizierung, Elektromobilität, KI, Cloud-Dienste, Gigafactories, Rechenzentren und die industrielle Transformation würden deutlich mehr Strom benötigen als heute. Europa braucht deshalb dringend eine koordinierte Infrastrukturstrategie – von europäischen Supergrids und Pipelines bis hin zu Wasserstoffkorridoren und Speicherlösungen – anstelle fragmentierter nationaler Ansätze.
Ein weiterer zentraler Punkt war die Forderung nach technologischer Offenheit und Realismus. Oettinger kritisierte ideologische Scheuklappen in der europäischen Energiedebatte. Öl, Gas, LNG, Wasserstoff, erneuerbare Energien, Kernkraft und Zukunftstechnologien wie Fusion müssten Teil einer offenen Diskussion bleiben. Er betonte mehrfach, dass Diversifizierung entscheidend sei – nicht nur bei Lieferanten, sondern auch bei Technologien und Infrastruktur.
Besonders deutlich zeigten sich Europas Spannungen in der Debatte um Kernenergie. Während einige Mitgliedstaaten diese weiterhin strikt ablehnen, investieren andere massiv in Kernkraft und Fusionsforschung. Kann Europa es sich leisten, solche Technologien auszublenden, während globale Wettbewerber mit hoher Geschwindigkeit voranschreiten?
FAZIT: Europa muss sich von einer Energiepolitik lösen, die zu stark von Idealismus und Ideologie geprägt ist, und zu einem pragmatischen, strategischen und wettbewerbsorientierten Ansatz zurückkehren.
Mitgliederinterventionen
Die Wortbeiträge der Mitglieder spiegelten sowohl Frustration als auch wachsende Sorgen über Europas aktuellen Kurs wider. Mehrere Teilnehmer kritisierten, dass der regulatorische Ansatz der EU wirtschaftliche und industrielle Realitäten häufig nicht ausreichend berücksichtige. Zwar seien Richtlinien und Zielvorgaben stark auf Dekarbonisierung und Energieeffizienz ausgerichtet, zugleich stelle sich jedoch die Frage, ob sie den enormen zukünftigen Energiebedarf durch KI, Rechenzentren, Elektrifizierung und industrielle Produktion realistisch abbildeten.
Ein wiederkehrender Kritikpunkt war die Gefahr, dass Europa seine eigene industrielle Basis zunehmend schwäche. Mitglieder verwiesen auf die wachsenden Energiepreisnachteile gegenüber den USA und China und warnten davor, dass Unternehmen bereits Produktionskapazitäten außerhalb Europas verlagerten. BASF, Covestro, Bayer und andere Industrieunternehmen wurden mehrfach als Beispiele genannt. Einige Teilnehmer formulierten zugespitzt, Europa reguliere sich „langsam aus der Wettbewerbsfähigkeit heraus“.
Gleichzeitig wurde betont, dass die Debatte nicht auf einen einfachen Gegensatz zwischen Klimaschutz und Wettbewerbsfähigkeit reduziert werden dürfe. Das Beispiel der BASF -Anlagen in China, die weitgehend mit erneuerbarem Strom betrieben werden, wurde angeführt, um zu zeigen, dass industrielle Wettbewerbsfähigkeit und saubere Energie durchaus vereinbar sein können – sofern die infrastrukturellen und regulatorischen Rahmenbedingungen stimmen. Die eigentliche Frage sei daher, ob Europa die Voraussetzungen schaffe, um solche Modelle selbst erfolgreich zu skalieren.
Besonders kontrovers verlief die Diskussion über Kernenergie. Mehrere Teilnehmer verwiesen auf Widersprüche in der deutschen Debatte: Während Deutschland aus der Kernenergie ausgestiegen sei, bauten Nachbarländer weiterhin neue Reaktoren und exportierten Strom nach Deutschland. Manche Teilnehmer argumentierten, Deutschland nutze faktisch weiterhin Kernenergie – nur indirekt und verbunden mit strategischer Inkonsistenz.
Zudem wurde Frustration über Europas Schwierigkeiten geäußert, Innovationen im eigenen Markt zu skalieren. Teilnehmer verwiesen auf Technologien, die zwar in Europa entwickelt, später jedoch vor allem in China oder den USA kommerzialisiert wurden. Es wurde die Frage aufgeworfen, warum Europa bei Fusion, KI und Quantentechnologien häufig zögere, während andere Staaten deutlich entschlossener agierten.
Mehrere Mitglieder warnten außerdem davor, die Dringlichkeit der aktuellen Lage zu unterschätzen. Sorgen über industrielle Schrumpfung, Arbeitsplatzverluste, Versorgungsrisiken und die Gefahr einer weiteren Energiekrise wurden deutlich artikuliert. Einige Teilnehmer kritisierten, Europa reagiere weiterhin zu langsam, während geopolitische Wettbewerber mit deutlich größerer strategischer Klarheit vorgingen.

