Ist Europa zukunftsfähig? Dieser Frage ging unser Europe-Lab-Panel am 8. September nach. Laura Hirvi (Meta) moderierte die Diskussion mit Wissenschaftlerin Prof. Dagmar Schuller (Hochschule Landshut), dem Halbleiterexperte Moritz Moelle (Globalfoundries) und die ukrainische Transformationsexpertin Natalia Iskovych (Support Ukraine Now). Im Mittelpunkt standen die Fragen, wer von Europas Zukunftsfähigkeit profitiert und was Europa tun muss, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Das Panel begann mit einer offenen Bestandsaufnahme: Derzeit ist Europa nicht wettbewerbsfähig. Doch Technologie entwickelt sich rasant, und genau das eröffnet Chancen.
Wie Dagmar Schuller es formulierte, lautet die eigentliche Frage, was Europa bereits hat und wie es darauf aufbauen kann. An Talenten mangelt es nicht, denn Europa verfügt über Spitzenforschung. Die Schwäche liegt darin, diese Forschung in Produkte und Unternehmen zu überführen. Besonders Deutschland wurde als perfektionsgetriebene Kultur beschrieben, in der Scheitern noch immer stark stigmatisiert ist.
„Nicht auf die Skeptiker hören!“ rät Dagmar Schuller dem Publikum, als die Gründerin von audEERING ihre eigene Geschichte erzählte. Ihr Unternehmen entwickelte Technologie zur Sprachanalyse und wurde kürzlich übernommen. Von Anfang hieß es, das werde nie funktionieren, weil es zu sehr eine Nische sei. Scheitern sollte man analysieren, sagte sie, aber es sei auch notwendig. Entscheidend sei, was danach komme: aus Fehlern lernen, dranbleiben und sich die richtigen Partner suchen.
Laura Hirvi fragte das Publikum anschließend, ob Europa im KI-Wettlauf mithalten könne. Es gab durchaus Grund zum Optimismus: 2025 wurden so viele Start-ups gegründet wie nie zuvor, und rund ein Drittel davon steht in direktem Zusammenhang mit KI.
Ein Blick aus der Ukraine
Natalia Iskovych brachte die Perspektive eines Landes außerhalb der EU ein. Wie eine Nation sich selbst sieht, spielt für die heutige Sicherheitsarchitektur eine große Rolle. Sie erinnerte daran,
dass das Silicon Valley aus der Militärtechnologie hervorgegangen ist und Europa den USA und China in der Hochtechnologie einst ebenbürtig oder sogar voraus war. Singapur, das bei null angefangen hat, zeigt, was entschlossenes Aufholen bewirken kann. Europa stecke in einer Krise, sagte sie, stehe aber zugleich vor einem enormen Potenzial. Dafür brauche es jedoch Offenheit, auch in der Verteidigungszusammenarbeit.
Dresden: Chips sind der Stahl des 21. Jahrhunderts
Moritz Moelle lenkte die Diskussion auf Halbleiter. Europa hält rund 10% des globalen Chipmarkts, und etwa die Hälfte der europäischen Chipproduktion stammt aus einer einzigen Stadt: Dresden. Das ist kein Zufall. Ein Chip-Standort braucht Hochschulen, Zulieferer und Infrastruktur, und die Energiekosten bleiben ein ernstes Problem.
Dresdens Erfolg beruht auf mehreren Faktoren. Starke Forschung war bereits vorhanden, und die Politik hat dann gezielt Investitionen angezogen. Heute sind Infenion, Bosch und GlobalFoundries dort vertreten, nach mehr als 16 Jahren beständiger Arbeit. Der Anteil der Elektronik in allem, was wir nutzen, wächst stetig, ebenso die Zahl der Geräte. Chips sind „der Stahl des 21. Jahrhunderts“. Moelle fügte hinzu, dass KI einen deutlich größeren Markt für autonome Systeme und Fabrikrobotik erschließen werde. Europa sei in einigen Bereichen gut aufgestellt, brauche aber Tempo und eine klare Technologieagenda. „Packen wir es an!“
München: von der Forschung in die Anwendung
Mit Verweis auf den Draghi-Bericht betonte Schuller, dass europäische Universitäten nach wie vor eine führende Rolle spielen. Die TUM in München ist ein Beispiel dafür, dort steigt die Zahl der Ausgründungen stark. Viele verstehen noch immer nicht, wie KI, insbesondere große Sprachmodelle, die Wirtschaft verändern wird. „Das ist erst die Spitze des Eisbergs.“
München funktioniert, weil die Akteure zusammenarbeiten. Initiativen wie MunichOne bringen Forschende, Unternehmen und Investoren an einen Tisch, um konkrete Probleme zu lösen. In München gibt es zudem Kapital, und das ist wichtig: Ohne Geld geht es nicht, und mit zu wenig auch nicht. Immer mehr Forschung mündet in Unternehmensgründungen. Die Formel lautet: Allianzen bilden, Wissen teilen und Zusammenarbeit leben. Die bayerische Staatsregierung wurde für ihre Unterstützung gelobt. Die zentrale Bitte des Panels an die Politik: den Menschen zeigen,
was sie tun können, statt ihnen zu sagen, was sie nicht dürfen, und zuzuhören, was Wirtschaft und Start-ups brauchen, und danach handeln.
Regulierung: vom Schutz zur Ermöglichung
Das Thema Regulierung zog sich durch die gesamte Diskussion. Die Panelisten beschrieben sie als lähmend: Sie erzeuge unnötige Bürokratie und bremse den Ausbau von Produktionskapazitäten. Umso wichtiger ist der kommende Chips Act 2.0. Investitionen zahlen sich nur mit Skalierung aus. Das bedeutet Zugang zu Finanzierung, Zugang zu Märkten und Regeln, die Unternehmen realistisch einhalten können. „Wir alle wissen, was wir können und was wir tun müssen“, sagte ein Panelist. „Jetzt müssen wir handeln.“ Dagmar Schuller forderte einen ganzheitlichen Blick auf Regulierung. Die meisten Regeln sollen verhindern, dass Schlechtes passiert, doch zu viel Schutz kann die Umsetzung blockieren. Der Omnibus-Ansatz der EU signalisiert ein Umdenken, doch die Fragmentierung zwischen nationaler und europäischer Ebene sowie innerhalb des deutschen Förderalismus erhöht weiterhin die Komplexität. Estland und Finnland zeigen, dass es auch reibungslos gehen kann. Gute Beispiele sollten vorangehen, und Entscheidungsträger, die oft weit weg von der Praxis sind, müssen sehen, welche Wirkung möglich ist.
Unser Fazit
Europa hat die Talente, die Forschung und, an Orten wie Dresden und München funktionierende Ökosysteme. Was es jetzt braucht, sind Tempo, Mut zum Scheitern, genug Kapital zum Skalieren und Regulierung, die ermöglicht. Die Botschaft des Panels war klar: Schluss mit dem Debattieren, jetzt muss gehandelt werden!

