Am 6. Dezember trafen sich Investoren, Unternehmer und Politikexperten aus Frankreich und Deutschland in Paris zum United Europe CEO French-German Dialogue, ausgerichtet in Zusammenarbeit mit Eurazeo. Im Mittelpunkt stand die Frage: Wie kann Europa seine Wettbewerbsfähigkeit zurückgewinnen, sein Wirtschaftswachstum stärken und seine strategische Position in einem zunehmend komplexen globalen Umfeld sichern? Die Diskussion fand unter Chatham House Rule statt.
Die Stimmung schwankte zwischen Alarm und Zuversicht – und gerade diese Spannung erwies sich als das ehrlichste Bild davon, wo Europa heute steht.
Günther H. Oettinger eröffnete den Dialog mit einer ernüchternden Diagnose, ohne diplomatische Beschönigung. Die USA halten trotz des Aufstiegs von Indien, Malaysia, Indonesien und Brasilien weiterhin rund 25% des globalen BIP. Europas Anteil ist von 28% auf 17% gesunken. China ist von 7% auf 17% gestiegen.
Das Wachstum zeigt dasselbe Bild: Deutschland stagniert, Frankreich wächst nur leicht, während die USA stabil bei 2,5% liegen, China bei 4-5% und Indien bei 6-7%. Europa steckt seit 7 Jahren in einer Phase mit schwachem Wachstum, Stagnation und es droht eine Rezession.

Branche für Branche zeigt sich ein gemischtes Bild:
– Stark: Luft- und Raumfahrt (Airbus), Chemie und Pharma
– Zurückfallend: Digitales und zunehmend die Automobilindustrie
Was auf der Agenda fehlt ist eine kohärente USA und China-Strategie. Europa läuft deshalb Gefahr zum „Verlierer des Jahrhunderts“ zu werden – eingeklemmt im Sandwich zwischen Washington und Peking. Europa muss sich auf zwei Prioritäten konzentrieren – Sicherheit und Wettbewerbsfähigkeit – und zugleich zwei Herausforderungen bewältigen – Governance und Verschuldung.
ERSTE PRIORITÄT: SICHERHEIT
Sicherheit – äußere, innere, und Cybersicherheit – wurde als erste Priorität genannt. Eine Frage kam auf: Warum brauchen 550 Millionen Europäer (einschließlich UK und der Ukraine), 350 Millionen Amerikaner, um sie gegen 150 Millionen Russen zu verteidigen? Die Antwort lautet: Europa muss weit mehr tun, um seinen Kontinent, seinen Frieden und seine Werte zu schützen. – „für uns, für unsere Kinder und für unsere gemeinsame demokratische Zukunft.“
ZWEITE PRIORITÄT: WETTBEWERBSFÄHIGKEIT
Um aus dem Sandwich herauszukommen, braucht es „neue Airbus Ideen“ – und Frankreich und Deutschland sind dabei der Schlüssel. Die Redner forderten, den Binnenmarkt zu vollenden und die Draghi- und Letta-Berichte endlich umzusetzen. Der Markt, so wurde betonten, ist global – nicht französisch, nicht deutsch und nicht einmal europäisch. Europa braucht daher Akteure, die weltweit bestehen können.
Das bedeutet, alte Reflexe zu überwinden. Deutschland war gegen TTIP, Frankreich gegen Mercosur. Stattdessen könnte die EU – selbst eine Gruppe von Mittelmächten – Allianzen mit Kanada, Australien, Japan, Südkorea, Brasilien, den Emiraten und Saudi-Arabien schmieden: durch Handelsabkommen und gemeinsame Forschung wie Horizon Europe.

William Kaddouch-Chassaing, Co-CEO von Eurazeo, sah die Situation nicht ganz so pessimistisch und argumentierte, dass Europa in wichtigen Bereichen weiterhin gewinnt. Europa bildet jedes Jahr mehr Ingenieure aus als jeder andere Kontinent. Dazu kommen exzellente Universitäten, eine verlässliche Infrastruktur und gesellschaftliche Stabilität.
Kaddouch-Chassaing fasste die Sicht der Investoren prägnant zusammen: Sie mögen Europas träges Makrobild nicht, lieben aber sein Mikrobild. MedTech (rund 40% weltweit kommen aus Deutschland), Biotech, Gesundheitswesen, Wasser, und Cleantech erzielen starke Renditen. Selbst bei KI zeigt Mistral, dass ein europäischer LLM-Anbieter skalieren kann – gestützt auf französische, deutsche, niederländische und britische Talente-, auch wenn die Rechenkapazitäten tatsächlich weit zurückliegen.
Er lobte konkrete Schritte: die „EU Inc“ bzw. das 28. Regime für das Gesellschaftsrecht, den Vorstoß zu einer Spar- und Investitionsunion, Marktinfrastruktur und Rentenreformen. Zugleich warnte er, dass Europa gegenüber Chinas Vordringen in seine industrielle Basis erstaunlich naiv bleibt.

ENERGIE: EINE ABHÄNGIGKEIT GEGEN DIE NÄCHSTE GETAUSCHT
Für Anne-Laure de Chammard, Vorstandsmitglied der Siemens Energy AG, sind Energiepreise zentral für die Wettbewerbsfähigkeit, und Europa ist nach wie vor viel zu abhängig von externen Mächten. Nach Jahren naiver Abhängigkeit von russischem Gas haben sich 50-60% der Versorgung in die USA verlagert – eine Abhängigkeit wurden gegen eine andere getauscht. Die Krise um die Straße von Hormuz hat diese Schwäche erneut offengelegt.
Die Antwort, so de Chammard, liegt im Wechsel von „importierten Molekülen“ zu „heimischen Elektronen“. Europa tut dies bereits, doch rund 2000 GW an Erneuerbaren-Energie-Projekten stecken fest, weil die Netze fehlen, um den Strom dorthin zu bringen, wo er gebrauch wird. Mit 27 Ländern und 27 verschiedenen Regelwerken und Spezifikationen kann Europa seine Versorgung weder skalieren noch sichern. Ein gemeinsamer Ansatz für die Netze ist das absolute Minimum.
Neue Abhängigkeiten entstehen bereits:
– Solar und Wind: überwiegend aus China – würden die Lieferungen gestoppt, gingen in Europa die Lichter aus.
– Kritische Rohstoffe und Lithiumbatterien: ebenfalls überwiegend aus China.
– Software und Daten: rund 70% der EU-Daten liegen bei US Hyperscalern, die sie faktisch kontrollieren.
– Turbinen: fließen in die USA, um dort den Rechenzentrums-Boom zu versorgen – für Europa bleiben zu wenige.

Kapital, Risiko und Renten: Warum Europa sich schwer tut zu skalieren
Der einzige wirkliche Unterschied zwischen der europäischen und der US -Wirtschaft ist das Silicon Valley. Europas traditionelle Wirtschaft wird nicht übertroffen – sein Technologiesektor schon! Der Grund liegt darin, wie Europa sich finanziert. Im Silicon Valley scheitern vier von fünf Start-ups, das fünfte wird spektakulär erfolgreich. Ein solches Risiko lässt sich nicht in einer Bankbilanz abbilden – und Europas Finanzsystem beruht auf Banken. Risikokapital ist das eigentliche Problem.
Mehrere Ideen kamen auf:
– Initiativen groß genug machen, damit sie wirken. Der im August genehmigte Scale-up Europe Fund mit 1 Mrd. € der Europäischen Kommission senkt Transaktionskosten – doch solche Ansätze müssen zu quasi-staatlichen Strukturen werden, um Wirkung zu entfalten.
– Rentenersparnisse im eigenen Land einsetzen. Nordische Pensionsfonds, etwa in Schweden und Dänemark, zeigen den Weg. Rund 400 Mrd € an Pensionskapital fließen derzeit in die USA und könnten in Europa reinvestiert werden.
– Scheitern günstiger machen. Eine Restrukturierung dauert in Deutschland oder Frankreich 18 Monate bis zwei Jahre – bis dahin ist der Markt weitergezogen. Schweden ist deutlich schneller.
– Größere Unternehmen aufbauen. Europäische Firmen sind schlicht zu klein.
Die Botschaft: ohne europäische Champions – und die Fusionen und Übernahmen, die es braucht, um sie aufzubauen – hat Europa auf der Weltbühne keine Chance.
An Kapital für die Scale-up Phase mangelt es nicht. Die Herausforderung besteht darin, Europas Ersparnisse in die eigenen Kapitalmärkte zu lenken. Der eigentliche Unterschied zwischen USA und Europa sind die Pension Funds. Gleichzeitig wird der Ausbau der US-Hyperscaler weitgehend schuldenfinanziert – ein Risiko für das System, das Europa nicht kopieren sollte.
Eine Schuldenkrise zeichnet sich ab: In den USA signalisiert die Lücke zwischen Leitzinsen und Marktzinsen, dass Schulden und Defizite untragbar werden. Im Interesse der nächsten Generation muss Europa die wachsende Verschuldung eindämmen – sonst wird es weder seinen Finanzsektor noch seine öffentlichen Haushalte stabilisieren können.

DEUTSCH-FRANZÖSISCHES VERTRAUEN
Wenn sich ein Thema durch alle wirtschaftlichen Fragen zog, dann war es Vertrauen. Das Ausmaß des Misstrauens zwischen Deutschland und Frankreich ist erschreckend. Die Zusammenarbeit ist auf der Weltbühne in ein Nullsummenspiel abgeglitten – und der jüngste Rückschlag in der deutsch-französischen Verteidigungskooperation hat gezeigt, wie viele Fragen noch offen sind.
„Frankreich und Deutschland versuchen es schon sehr lange miteinander, wann wird es endlich konkret?“ fragte ein Teilnehmer. Wenn der heutige Druck sie nicht zusammenbringt, was dann? Jedenfalls reden noch beide Seiten miteinander. Die Teilnehmer forderten mehr Austausch zwischen der demokratischen Linken und Rechten in Deutschland und Frankreich – und dass die Wirtschaft auf der Arbeitsebene die Zusammenarbeit vorantreibt.
Zudem gab es eine Warnung vor dem Informationskrieg. Das vorherrschende Narrativ lautet, dass Europa verliert. Das ist teilweise wahr, geht aber zu weit – und KI hat die antieuropäische Propaganda beschleunigt. Europa muss seiner eigenen Innovationskraft vertrauen und die Kontrolle über sein Narrativ zurückgewinnen.
BRÜSSEL IST UNSERE HAUPTSTADT
Das Schlussargument lautete: Nur eine europäische Antwort wird funktionieren – große Vorhaben auf europäischer Ebene, ohne die bürokratische Last aus Brüssel. Am Ende sind das Machtfragen.
– Die Banken- und Kapitalmarktunion vollenden. Dazu müssen Gesellschafts- Insolvenz- und Strafrecht europäisiert werden – Kompetenzen, die nationale Parlamente nur ungern abgeben. In Deutschland machen staatliche Banken Lobbyarbeit gegen die Bankenunion.
– Den Markt neu definieren. Die EU-Wettbewerbspolitik schützt noch immer Verbraucher in nationalen Märkten, statt globale Wettbewerbsfähigkeit zu ermöglichen. Als Beispiel wurde der Fusionsfall Siemens-Alstom genannt. In der Telekommunikation bedeuten drei oder vier Betreiber pro Mitgliedsstaat zu viele Wettbewerber.
– Den nächsten MFR nutzen, um Europa zu stärken. Frankreich drängt darauf, den neuen Haushalt bald zu beschließen, bevor eine mögliche Le-Pen-Regierung ihn blockieren könnte. Die Teilnehmenden forderten mehr Mittel für Forschung, einen kleineren Agrarhaushalt und gemeinsame Verteidigungsausgaben statt 27 nationaler Silos.
Die großen Mitgliedstaaten – Deutschland, Frankreich, Italien und Spanien – wurden als Haupthindernis genannt. Ihr europäisches Denken ist nicht stark genug!
Die Botschaft an die Wirtschaft war klar: Der Ort, an dem man sein muss , ist nicht in Berlin oder Paris, sondern Brüssel. Über BusinessEurope und Eurochambres muss die Industrie mit besseren Argumenten und einer deutlich lauteren Stimme kämpfen.
Es wurde angemerkt, dass solche Diskussionen stets reichhaltig, aber selten schlüssig sind. Alle wissen, was zu tun ist – schwierig ist das Wie: der Schritt von Aktionsplänen zu Entscheidungen und zur Umsetzung.
Paris hat eines deutlich gemacht: Die Diagnose wird geteilt – von Energie über Kapitalmärkte bis hin zur Sicherheit und Vertrauen. Europa hat echte Stärken: Talente, Forschung, Stabilität und eine florierende „Mikro“- Wirtschaft. Was fehlt, sind Größe, integriertes Kapital und der politische Wille, diese Stärken in globale Champions zu verwandeln. Frankreich und Deutschland können das nicht allein schaffen – aber ohne sie wird es gar nicht gelingen.

