Am 26. Juni begrüßte United Europe mehr als 40 Mitglieder und geladene Gäste im Drivers & Business Club zu einer weiteren Ausgabe der Veranstaltungsreihe „Members Talk & Political Stammtisch“. Im Mittelpunkt der Veranstaltung, die von 17:00 bis 22:00 Uhr stattfand, stand die aktuelle und zugleich provokante Frage: „Europe, Quo Vadis?“ Vor dem Hintergrund geopolitischer Umbrüche, wirtschaftlicher Transformation und eines zunehmenden globalen Wettbewerbs diskutierten die Teilnehmenden intensiv über die Zukunft Europas, seine strategischen Prioritäten und die Rolle, die der Kontinent in einer immer komplexeren internationalen Ordnung einnehmen muss.
Europas größte Herausforderungen
Für Günther H. Oettinger sind zwei zentrale Herausforderungen entscheidend für Europas Zukunft. Sicherheit und Wettbewerbsfähigkeit.
Sicherheit umfasst heute weit mehr als militärische Verteidigungsfähigkeit. Sie beinhaltet ebenso Cybersicherheit, technologische Souveränität, Energiesicherheit sowie die Fähigkeit Europas, seine Interessen in einer zunehmend instabilen geopolitischen Lage wirksam zu vertreten. Ebenso entscheidend sie es, Europas Wettbewerbsfähigkeit wiederherzustellen und nachhaltiges Wirtschaftswachstum in den Schlüsselindustrien zu ermöglichen.
Europa war über Jahrzehnte weltweit führend in Branchen wie der Automobilindustrie, Luft- und Raumfahrt, Chemie, Pharma, dem Maschinenbau und der industriellen Fertigung. Heute wächst jedoch die Sorge, dass Europa in vielen Zukunftsfeldern zunehmend an Boden verliert. Innovation, Digitalisierung und industrielle Wettbewerbsfähigkeit entwickeln sich in anderen Weltregionen deutlich dynamischer und werfen grundlegende Fragen zur wirtschaftlichen Zukunft Europas auf.
Auch aktuelle geopolitische Entwicklungen verdeutlichen den schwindenden Einfluss Europas. Der militärische Angriff der USA gegen den Iran, der ohne vorherigen Konsultation der europäischen Partner erfolgte, habe eine unbequeme, aber notwendige Frage aufgeworfen: Gestaltet Europa die Weltpolitik noch aktiv mit oder wird es zunehmend zum Zuschauer?
Oettinger warnte eindringlich davor, dass Europa Gefahr laufe, zu einem „Freilichtmuseum“ zu werden – bewundert für deine Geschichte, Kultur und Traditionan, aber ohne entscheidenden politischen oder wirtschaftlichen Einfluss.
Souveränität durch wirtschaftliche Stärke
Nach Oettingers Auffassung beginnt echte Souveränität mit wirtschaftlicher Stärke. Europa müsse seine Innovationskraft zurückgewinnen, Investitionen fördern und seine globale Wettbewerbsfähigkeit ausbauen, um auch künftig politisch handlungsfähig zu bleiben.
Deutschland trage dabei gemeinsam mit seinen europäischen Partnern eine besondere Verantwortung. Gleichzeitig müsse Europa seine strategische Partnerschaften über das traditionelle transatlantische Bündnis hinaus erweitern. Die sogenannten „Middle Power“ Länder wie Kanada, Südkorea, Australien, Indien, die Vereinigten Arabischen Emirate und Brasilien teilten viele europäische Interessen und könnten künftig wichtige Partner in Handel, Technologie und Innovation werden.
Der Ausbau dieser Beziehungen könne dazu beitragen, dass Europa nicht zwischen den konkurrierenden Interessen der USA und Chinas aufgerieben werde.
Europa braucht eine neue Orientierung
Neben wirtschaftlichen Fragen sprach United Europe Mitglied Thomas Firnkorn über zunehmende Orientierungslosigkeit innerhalb Europas. Ebenso wichtig wie wirtschaftliche Stärke sei die Rückbesinnung auf Europas Identität und Werte: „Ich habe keine Angst vor einem starken Islam. ich habe Angst vor einem schwachen Christentum.“ Dabei gehe es nicht um Religion an sich, sondern um das Selbstverständnis Europas und das Vertrauen in die eigenen kulturellen und demokratischen Grundlagen. Europa müsse seine Identität, seine Werte und seinen gesellschaftlichen Auftrag wieder klarer definieren, um international selbstbewusst auftreten zu können.
Zahlen lügen nicht
Noch vor wenigen Jahrzehnten war Europas Wirtschaftsleistung mit derjenigen der Vereinigten Staaten vergleichbar. Heute hat sich das Bild grundlegend verändert. Während die USA ihre wirtschaftliche Stärke weiter ausgebaut und China ein außergewöhnliches Wachstum verzeichnet hat, ist Europa deutlich zurückgefallen. Oettingers Fazit: „Zahlen lügen nicht. Europa verliert.“ Diese Entwicklung sei nicht allein auf äußere Einflüsse zurückzuführen, sondern auch auf politische Entscheidungen innerhalb Europas. Initiativen wie die Lissabon Strategie, umfangreiche Verbraucherschutzregelungen oder der Green Deal verfolgen zwar berechtigte Ziele, dennoch müssten diese stets mit Innovation, Investition und wirtschaftlicher Wettbewerbsfähigkeit in Einklang gebracht werden.
Klimapolitik bleibe unverzichtbar. Allerdings verursache Europa im weltweiten Vergleich nur einen vergleichsweise kleinen Anteil der Treibhausgasemissionen gegenüber China und den USA. Klimaschutz müsse daher Europas industrielle Basis stärken und nicht schwächen. Nachhaltigkeit und Wettbewerbsfähigkeit dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden.
Demokratie beginnt mit gesellschaftlichem Engagement
Ein weiterer Schwerpunkt der Diskussion war die Bedeutung des bürgerlichen Engagements. Gute Politik beginne nicht in Brüssel, Straßburg oder Berlin, sondern innerhalb der Gesellschaft.
Ob im Gemeinderat, im Elternbeirat, in der Kirchengemeinde, im Sportverein oder in kulturellen Organisationen – ehrenamtliches Engagement bilde das Fundament einer lebendigen Demokratie.
Oettinger äußerte die Sorge, dass insbesondere Führungskräfte nach ihrer beruflichen Laufbahn zunehmend aus dem gesellschaftlichen Engagement ausscheiden. Europas Zukunft hänge jedoch nicht allein von politischen Entscheidungsträgern ab, sondern ebenso von Bürgern, die Verantwortung in ihren Gemeinden übernehmen. Oettinger betonte: „Wir müssen bei uns selbst und in unserer Gesellschaft anfangen.“
Die Herausforderung China
China wurde als Beispiel für langfristiges strategisches Denken angeführt. Mit Blick auf das Jahr 2049 – den 100. Jahrestag der Gründung der Volksrepublik – verfolgt China klare Ziele: militärische Führungsmacht, technologische Spitzenposition, Innovationsführer und größte Volkswirtschaft der Welt zu werden.
Zusammen mit der Führungsrolle der USA in den Bereichen Software, KI und digitale Plattformen drohe Europa zwischen den beiden globalen Supermächten in eine strategische Zange zu geraten.
Nach Oettingers Einschätzung fehlt es Europa häufig an Ehrgeiz und Geschwindigkeit, Regulierung bleibe wichtig, doch ohne Investitionen, Innovationen und mehr Flexibilität auf den Arbeitsmärkten drohe ein weiterer industrieller Niedergang.
Als Beispiele nannte er die tiefgreifenden Restrukturierungen und den Stellenabbau bei deutschen Automobilzulieferern und Industrieunternehmen wie Mahle, Bosch, ZF und BMW, die den erheblichen strukturellen Anpassungsdruck der europäischen Industrie verdeutlichten.
Drei Säulen für Europas Zukunft
Otto Schell formulierte drei strategische Prioritäten für die Zukunft Europas.
- Zeit ist die neue Währung. Europa muss Entscheidungen schneller treffen und konsequenter umsetzen. Geschwindigkeit ist zu einem entscheidenden Wettbewerbsvorteil geworden.
- Transformation bestehender Industrien. Europas traditionalle Stärken müssen erfolgreich in eine digitale, KI-gestützte und nachhaltige Wirtschaft überführt werden.
- Bildung und Talente. Investitionen in Bildung, Innovation und die Förderung künftiger Generationen sind die Grundlage langfristiger Wettbewerbsfähigkeit.
Ein Appell an Führung und Zuversicht
Zum Abschluss richtete Günther H. Oettinger einen Appell an alles Anwesenden. Europa brauche Menschen, die Verantwortung übernehmen und als Vorbilder in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft und Zivilgesellschaft vorangehen. Führung könne nicht allein von Regierungen ausgehen. Jeder Einzelne könne einen Beitrag zur Erneuerung Europas leisten.
Europe verfüge weiterhin über große Stärken: die soziale Marktwirtschaft, stabile demokratische Institutionen, wissenschaftliche Exzellenz, unternehmerisches Potenzial und eine lange Tradition der Zusammenarbeit.
Die entscheidende Frage sei daher nicht, ob Europa über das notwendige Potenzial verfüge, sondern ob es dieses mit genügend Entschlossenheit, Selbstvertrauen und Ambition mobilisieren könne.
So endet die Diskussion mit der Frage, mit der sie begonnen hatte: „Europa, Quo Vadis?“
Die Antwort werde nicht allein in Brüssel oder den nationalen Regierungen gefunden. Sie hänge maßgeblich von den Europäern selbst ab – von ihrer Bereitschaft, Selbstvertrauen und Identität neu zu entdecken, in Bildung und Wettbewerbsfähigkeit zu investieren, die gemeinsamen Werte zu verteidigen und Europas Zukunft aktiv mitzugestalten.

