{"id":9557,"date":"2018-03-09T12:24:10","date_gmt":"2018-03-09T11:24:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.united-europe.eu\/?p=9557"},"modified":"2018-03-09T13:12:22","modified_gmt":"2018-03-09T12:12:22","slug":"hart-aber-heilsam","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.united-europe.eu\/de\/2018\/03\/hart-aber-heilsam\/","title":{"rendered":"Hart, aber heilsam"},"content":{"rendered":"<p><strong>Gut acht Jahre nach Beginn der Euro-Krise l\u00e4sst sich sagen: Europas Spar- und Rettungspolitik war ein Erfolg. Allein in Spanien wurden zwei Millionen neue Arbeitspl\u00e4tze geschaffen. Nun sollten die nordeurop\u00e4ischen Gl\u00e4ubigerl\u00e4nder begreifen, welche Chancen f\u00fcr Europa in der Vollendung der politischen und fiskalischen Union liegen. <em>Von <strong><em>Fernando Primo de Rivera<\/em><\/strong>.<\/em><br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p>Die Euro-Krise wird gern als Staatsschuldenkrise beschrieben. Doch muss man hier zwischen Ursache und Wirkung unterscheiden. Mit Ausnahme von Griechenland, wo im Staatshaushalt wirklich Chaos herrschte, lag das Pro\u00acblem nirgendwo in den \u00f6ffentlichen Finanzen. Spanien verzeichnete 2007 sogar einen \u00dcberschuss von 2 Prozent des BIP. Die finanzielle Konstruktion zerbrach, weil sich die Regierungen der s\u00fcdlichen Euro-L\u00e4nder w\u00e4hrend der Krise de facto in einer ausl\u00e4ndischen W\u00e4hrung refinanzieren mussten, was sehr harte antizyklische Budgetanpassungen erforderlich machte.<\/p>\n<figure id=\"attachment_7443\" aria-describedby=\"caption-attachment-7443\" style=\"width: 320px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/www.united-europe.eu\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/Fernando-Primo-de-Rivera.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-7443 size-thumbnail\" src=\"https:\/\/www.united-europe.eu\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/Fernando-Primo-de-Rivera-320x240.jpg\" alt=\"\" width=\"320\" height=\"240\" srcset=\"https:\/\/www.united-europe.eu\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/Fernando-Primo-de-Rivera-320x240.jpg 320w, https:\/\/www.united-europe.eu\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/Fernando-Primo-de-Rivera-560x420.jpg 560w, https:\/\/www.united-europe.eu\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/Fernando-Primo-de-Rivera-640x480.jpg 640w, https:\/\/www.united-europe.eu\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/Fernando-Primo-de-Rivera-1120x840.jpg 1120w\" sizes=\"auto, (max-width: 320px) 100vw, 320px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-7443\" class=\"wp-caption-text\">Fernando Primo de Rivera<\/figcaption><\/figure>\n<p>Heute, mit der leidvollen Erfahrung der Krise, aber auch dem Stolz auf ihre \u00dcberwindung, ist es an der Zeit, dass wir grunds\u00e4tzlicher \u00fcber den Euro und die Zukunft Europas nachdenken. Aus spanischer Perspektive \u2013 aus der Sicht eines Kenners der Finanzm\u00e4rkte, der das Krisenrezept von Bundeskanzlerin Angela Merkel bef\u00fcrwortet hat \u2013 m\u00fcssen wir jetzt einen neuen Aufbruch wagen, der Europa auch in der Welt mehr Einfluss erm\u00f6glichen wird.<\/p>\n<p>Angesichts einer starken zyklischen Erholung ist der Zeitpunkt daf\u00fcr ideal \u2013 und das wird nicht ewig so bleiben. Am Ende dieses Jahres wird die Europ\u00e4ische Zentralbank ihre Politik der quantitativen Lockerung auslaufen lassen. Die Politiker der Euro-Zone werden es nicht riskieren k\u00f6nnen, dem irgendwann unvermeidlich anstehenden Abschwung mit denselben Krisenrezepten zu begegnen. Denn schon jetzt sind die Populisten in vielen L\u00e4ndern ausgesprochen erfolgreich. In Spanien erreicht Podemos in Umfragen 20 Prozent; in Italien kommt Beppe Grillos F\u00fcnf-Sterne-Bewegung auf 25 Prozent. Trotz der wirtschaftlichen Erholung sind sie stark geblieben. Eine Neubestimmung der Perspektiven er\u00f6ffnet ein ganzes Spektrum von Chancen, das bislang erst z\u00f6gerlich erforscht wurde. Gerade in Deutschland brauchen wir, aufbauend auf den hart errungenen Erfolgen bei der \u00dcberwindung der Euro-Krise, eine neue Sichtweise.<\/p>\n<p><strong>Die Rabatt-Union<\/strong><br \/>\nWichtig ist es, mit der richtigen Analyse der Krise zu beginnen. Die Leistungsbilanzsalden seit der Einf\u00fchrung des Euro zeigen, wie die wettbewerbsf\u00e4higsten L\u00e4nder im Euro-Raum durch strukturelle Export\u00fcbersch\u00fcsse riesige Sparguthaben anh\u00e4uften. G\u00fcter aus Deutschland und anderswo m\u00f6gen wegen ihrer Qualit\u00e4t auf den internationalen M\u00e4rkten herausragen. Aber das erkl\u00e4rt nicht, warum sich der Exportanteil an Deutschlands BIP seit Einf\u00fchrung des Euro verdreifacht hat und der Leistungsbilanz\u00fcberschuss mittlerweile 8 Prozent betr\u00e4gt.<br \/>\nDer Grund daf\u00fcr ist, dass der Euro, weil er auch weniger wettbewerbsf\u00e4hige Volkswirtschaften umfasst, eine vergleichsweise schwache W\u00e4hrung ist. Wenn Deutschland heute eine nationale W\u00e4hrung h\u00e4tte, w\u00fcrde sie 30 bis 40 Prozent mehr kosten. Angesichts dieser Tatsache offenbart der Ausdruck Transferunion tiefe Unwissenheit oder sogar bei\u00dfenden Zynismus. Denn zutreffender w\u00e4re der Ausdruck \u201eRabatt-Union\u201c.<\/p>\n<p>Im R\u00fcckblick hat Europa einen harten, aber nachhaltigen Weg eingeschlagen. Man h\u00e4tte das Schuldenproblem auch \u2013 wie in der Finanzgeschichte \u00fcblich \u2013 durch Abschreibungen und Umstrukturierungen l\u00f6sen k\u00f6nnen. Alternativ h\u00e4tte man die Schulden vergemeinschaften k\u00f6nnen. Stattdessen hat Europa, angef\u00fchrt von Angela Merkel, das juristische Vakuum genutzt, um eine vorbildliche angebotsorientierte Politik zu betreiben. Diese viel beschworene Konditionalit\u00e4t wird sich auf mittlere und lange Sicht als ein Anker f\u00fcr die wirtschaftliche Leistungsf\u00e4higkeit Europas im 21. Jahrhundert herausstellen.<\/p>\n<p>Jeder Teilnehmer der W\u00e4hrungsunion war sich \u00fcber die Regelungen zur Schuldenbegrenzung im Klaren. Konsens herrschte auch hinsichtlich der Notwendigkeit, die Volkswirtschaften wettbewerbsf\u00e4higer zu machen, interne Abwertungen und Reformen nach dem Vorbild des deutschen Ordoliberalismus durchzuf\u00fchren. Bemerkenswert ist, dass w\u00e4hrend der gesamten Euro-Krise das Vertrauen in den Rechtsstaat erhalten blieb. Mit Ausnahme von Griechenland hielten alle L\u00e4nder daran fest, dass Schulden bedient werden m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Im Nachhinein war es vor allem Spanien, eine von Europas gr\u00f6\u00dften Volkswirtschaften mit einem j\u00e4hrlichen BIP von einer Billion Euro, das eine zentrale Rolle dabei spielte, eine weitere Ausbreitung der Euro-Krise zu verhindern. In der Krise akzeptierte man einen Kreditrahmen von 100 Milliarden Euro f\u00fcr seine Banken mitsamt der damit verbundenen Konditionalit\u00e4t. Italien musste nicht um Rettung ersuchen, trotz einer Gesamtverschuldung von zwei Billionen Euro.<\/p>\n<p>Die Rettungspolitik war ohne Zweifel ein Erfolg. Europas Wirtschaft hat 2017 gut funktioniert, \u00fcber die L\u00e4nder und Branchen hinweg \u2013 ein Aufschwung, wie wir ihn seit 2007 nicht mehr gesehen haben. Er begann in Irland und besonders in Spanien, wo man ein Leistungsbilanzdefizit von 8 Prozent in einen \u00dcberschuss von 2 Prozent verwandelte und den Exportanteil am BIP von 18 auf 32 Prozent erh\u00f6hte. Im dritten Jahr in Folge steigt in Spanien die Besch\u00e4ftigung; seit der Krise wurden zwei Millionen neue Arbeitspl\u00e4tze geschaffen. Forderungen, den Euro aufzugeben, erscheinen mittlerweile absurd.<\/p>\n<p>Auch Portugal erlebt das h\u00f6chste Wachstum seit 2007 und hat seine Bonit\u00e4t wiedererlangt. Sein Finanzminister M\u00e1rio Centeno ist zum Vorsitzenden der Euro-Gruppe ernannt worden \u2013 ein Zeichen gro\u00dfer Anerkennung. Auch die L\u00e4nder, die nicht gerettet werden mussten und sich den Reformanstrengungen erst sp\u00e4ter aus Einsicht in die Notwendigkeiten des Euro anschlossen, kommen voran. Italien erlebt das h\u00f6chste Wirtschafts- und Arbeitsplatzwachstum der vergangenen zehn Jahre, und Frankreich, unter Macrons extrem reformistischer Agenda, hat die Erwartungen der meisten Marktteilnehmer \u00fcbertroffen. Zentrales Merkmal dieser Erholung ist ihre Gleichzeitigkeit. Der Aufschwung hat wirklich alle L\u00e4nder der Euro-Zone erfasst.<\/p>\n<p>Doch f\u00fcr Selbstzufriedenheit ist kein Raum \u2013 nirgends. Wie Angela Merkel sagte, ist der Euro ein politisches Konstrukt und als solches eine dynamische, sich weiter entwickelnde Realit\u00e4t. W\u00e4hrend die M\u00e4rkte sich in diesem j\u00fcngsten zyklischen Aufschwung gut entwickeln, darf man die j\u00fcngste Vergangenheit nicht vergessen. W\u00e4hrungspolitische Falken t\u00e4ten gut daran, sich an das Verhalten der M\u00e4rkte im zweiten Halbjahr 2014 zu erinnern, als die Angst vor Deflation, gen\u00e4hrt vom deutschen Nein zu den Lockerungsvorschl\u00e4gen von EZB-Chef Mario Draghi, um sich griff. Immerhin haben viele Vertreter der reinen Lehre damals gelernt, dass die Gefahr einer EU-Deflation, eingeleitet durch eine Politik der Nachfrageschw\u00e4chung, real, extrem gef\u00e4hrlich und ein weitverbreitetes europ\u00e4isches Ph\u00e4nomen war.<\/p>\n<p><strong>Ein Nord-S\u00fcd-Konflikt<\/strong><br \/>\nIm dritten Quartal 2015 rutschten die Euro-Aktienm\u00e4rkte erneut ab, obwohl sich die Euro-Zone in der Fr\u00fchphase einer zyklischen Erholung und der quantitativen Lockerung befand. M\u00f6gliche Abwertungen in China riefen globale \u00acDeflations\u00e4ngste hervor, was den Euro angesichts seiner internen Schw\u00e4chen extrem verletzlich erscheinen lie\u00df. Das war das deutlichste Warnsignal der M\u00e4rkte, was die M\u00e4ngel der derzeitigen Euro-Architektur betrifft.<br \/>\nIn den Staaten der Peripherie haben die Regierungen und W\u00e4hler die Erfordernisse der Krise und die Angemessenheit von Merkels Ma\u00dfnahmen akzeptiert. Das ist ein wirklicher Segen, f\u00fcr den es in den Geschichtsb\u00fcchern viel Lob geben wird. Dagegen herrscht in den Gl\u00e4ubigerstaaten eine ganz andere Interpretation der Euro-Krise vor, die stark von der angels\u00e4chsischen Presse gepr\u00e4gt wurde: Demnach wollten die dortigen Regierungen ihre Steuerzahler davor sch\u00fctzen, von den finanziell schw\u00e4cheren, fauleren und sich der Rechenschaft entziehenden S\u00fcdl\u00e4ndern ausgenommen zu werden.<\/p>\n<p>Politisch lie\u00df sich diese Lesart der Dynamik zwischen Gl\u00e4ubigern und Schuldnern gut verkaufen. Doch hat sie dazu gef\u00fchrt, dass die W\u00e4hler der Gl\u00e4ubigerstaaten den Blick f\u00fcr das gro\u00dfe Ganze verloren haben. Ihre, nennen wir sie mal: \u201ealternative Wirklichkeit\u201c beruht auf der irrigen Vorstellung, dass eine W\u00e4hrungsunion auf lange Sicht ohne eine ordentliche fiskalische und politische Union funktionieren und sogar effektiv sein k\u00f6nne. An der Akkumulierung von strukturellen Ersparnissen in den n\u00f6rdlichen L\u00e4ndern, f\u00fcr die es weder \u00f6ffentliche noch private Recycling-Mechanismen gibt, zeigt sich die Suboptimalit\u00e4t der W\u00e4hrungsunion. Die Nebeneffekte sind wohlbekannt und heizen den Populismus an: viel zu geringe Investitionen in den n\u00f6rdlichen Gl\u00e4ubigerstaaten und nie dagewesene Arbeitslosenraten von 40 bis 50 Prozent bei den J\u00fcngeren im S\u00fcden. Wir laufen Gefahr, eine Generation zu verlieren.<\/p>\n<p>Kompromiss und Konditionalit\u00e4t sind f\u00fcr jede Vereinbarung unverzichtbar, auch f\u00fcr eine W\u00e4hrungsunion. Doch wie das eindeutig negativ besetzte Wort von der \u201eTransfer-Union\u201c zeigt, ist das gegenseitige Vertrauen zwischen Gl\u00e4ubigern und Schuldnern in der Euro-Zone schwer gest\u00f6rt. Die Bedeutung von Diversit\u00e4t und sozialem Zusammenhalt wird v\u00f6llig untersch\u00e4tzt, obwohl beides wichtige Werte und politische Prinzipien sind, die in den europ\u00e4ischen Vertr\u00e4gen auch ausdr\u00fccklich anerkannt werden. Der Sozialstaat ger\u00e4t in Gefahr, von unten zu zerfallen, was wiederum den populistischen Parteien enormen Zulauf verschafft. Ein scharfer zyklischer Abschwung w\u00fcrde unter diesen Umst\u00e4nden in den L\u00e4ndern der Peripherie das Ende der derzeitigen Politik bedeuten.<\/p>\n<p><strong>Vollendung der W\u00e4hrungsunion durch Fiskalunion<\/strong><br \/>\nDer rechtsgerichtete Populismus unter den nordeurop\u00e4ischen W\u00e4hlern ist nicht ganz so stark, aber er gedeiht aufgrund von zwei Faktoren: einer simplistischen Interpretation der Krise und einer Einwanderungspolitik, die gut gemeint war und demografisch notwendig ist, aber schlecht umgesetzt wurde. Die politischen Eliten haben sich viel zu wenig bem\u00fcht, den W\u00e4hlern beide Ph\u00e4nomene zu erkl\u00e4ren, obwohl sich das Konzept einer europ\u00e4ischen Staatsb\u00fcrgerschaft als hilfreich erweisen k\u00f6nnte. Es gibt doch keinen sch\u00e4rferen Widerspruch, als die Griechen jahrelang hart zu bestrafen, aber syrische Fl\u00fcchtlinge mit offenen Armen willkommen zu hei\u00dfen.<br \/>\nAus Sicht des Nordens wie des S\u00fcdens brauchen wir die Vollendung der W\u00e4hrungsunion durch eine fiskalische Union. Bisher haben wir eine Bankenunion ohne ordentliche fiskalische Absicherung und ohne gemeinsames Einlagensicherungssystem. Wir haben Kriseninstitutionen wie den Europ\u00e4ischen Stabilit\u00e4tsmechanismus (ESM) und die quantitative Lockerung, die einer gemeinsamen Haftung schon sehr nahe kommen. J\u00fcngst gab es auch Vorschl\u00e4ge, den ESM durch einen Europ\u00e4ischen W\u00e4hrungsfonds zu ersetzen und ein Budget und einen Finanzminister f\u00fcr die Euro-Zone einzuf\u00fchren. Als Blaupause geht das in die richtige Richtung.<\/p>\n<p>Funktionieren kann der Euro auf Dauer nur auf der Grundlage von Vertrauen, das mehr als 60 Jahre lang bestand. Die Zweifel, die sich durch die kurzsichtigen Betrachtungen der vergangenen sieben Jahre eingeschlichen haben, m\u00fcssen verschwinden. Dann kann sich die Diskussion auf das Tempo und die Konditionalit\u00e4t fokussieren, f\u00fcr die sich der Rest Europas offen gezeigt hat. Nur so erreichen wir eine dauerhafte Balance zwischen dem wirtschaftlich W\u00fcnschenswerten und dem politisch M\u00f6glichen.<\/p>\n<p><strong>Modell Europa<\/strong><br \/>\nDas angels\u00e4chsische Globalisierungsmodell, das auf der Nation beruht und gerade dadurch Trittbrettfahren ermutigt, hat sich ersch\u00f6pft. F\u00fcr Probleme wie den Klimawandel bietet das Regierungsmodell der nationalen Souver\u00e4nit\u00e4t keine nachhaltigen L\u00f6sungen. Zudem hat das Kapital das gesetzgeberische Vakuum, das auf internationaler Ebene besteht, ausgenutzt. Die Suche nach dem g\u00fcnstigsten juristischen Rahmen, der es erlaubt, Gewinne zu maximieren, f\u00fchrt zu einem Wettlauf nach unten. Wenn es der EU gelingt, ihr eigenes Haus in Ordnung zu bringen, kann sie echte und legitime globale F\u00fchrung aus\u00fcben und neue Standards f\u00fcr die liberale Weltordnung aufstellen, die auf Regeln basieren. Damit kann Europa ein notwendiges Gegengewicht zum angels\u00e4chsischen Globalisierungsmodell bieten. Der Ordoliberalismus ist ohne jede Frage das beste marktwirtschaftliche Sozialmodell, um einen gerechten Ausgleich zwischen den Generationen zu schaffen.<\/p>\n<p>Hinzu kommt, dass die EU-L\u00e4nder die besten Kennziffern aller Industriestaaten aufweisen, wenn man nach Verschuldung und Defizit im Vergleich zum BIP geht. Europa hat einen Leistungsbilanz\u00fcberschuss von 2 bis 3 Prozent gegen\u00fcber der \u00fcbrigen Welt. Das bedeutet, dass das Euro-Problem ausschlie\u00dflich unser Problem ist \u2013 Geld von au\u00dfen ben\u00f6tigen wir nicht. Dank der Leistungsbilanz\u00fcbersch\u00fcsse kann der Euro in Konkurrenz zum US-Dollar zu einer Reservew\u00e4hrung f\u00fcr den Rest der Welt werden.<\/p>\n<p>Wenn die fiskalische und politische Union gelingt, wird Europa zum Gegenmodell f\u00fcr die USA, dem reichsten Land der Welt, das stetig abgewertet hat, statt schw\u00e4cheren Regionen Kapital zur Verf\u00fcgung zu stellen. Selbst Spaniens Auslandsverschuldung stellt sich anders dar: Mit 100 Prozent des BIP ist sie aus nationaler Perspektive viel zu hoch. Aber sie geht zum gro\u00dfen Teil darauf zur\u00fcck, dass sich spanische Unternehmen seit den 1980er Jahren in s\u00fcdamerikanische Firmen einkauften. Betrachtet man die Euro-Zone insgesamt, sind diese Beteiligungen eine gute Art, die Leistungsbilanz\u00fcbersch\u00fcsse anzulegen.<\/p>\n<p>Aller Probleme der Euro-Krise zum Trotz erm\u00f6glicht uns das europ\u00e4ische Modell der sozialen Marktwirtschaft ein vern\u00fcnftiges Wohlfahrtssystem, das uns ein St\u00fcck weit vor den unbarmherzigen globalen Ungleichheitstrends sch\u00fctzt. Man betrachte nur die Unterschiede in den Gini-Koeffizienten in Europa im Vergleich zu anderen westlichen L\u00e4ndern. Wir werden von der Welt beneidet. \u00acGemeinsam sind wir f\u00fcr fast jeden auf der Welt der gr\u00f6\u00dfte Handelspartner. Wenn wir uns zu einer echten politischen Union zusammenfinden w\u00fcrden, k\u00f6nnten wir auch Einfluss auf die weitere Liberalisierung nehmen und sicherstellen, dass sie uns nutzt. In Verhandlungen f\u00fcr eine faire internationale Freihandelsordnung k\u00f6nnen wir bei unseren Partnern auf Mindeststandards bei Arbeit, Umwelt und Steuern bestehen. Dies w\u00fcrde zu einer strategischen neuen Balance in der Wettbewerbsf\u00e4higkeit f\u00fchren, die wiederum den Druck auf unsere eigenen Wohlfahrtsstaaten verringern und einen besseren Rahmen f\u00fcr die Dynamik der Globalisierung schaffen w\u00fcrde. Der Euro hat sich als Instrument der Konvergenz in Richtung der besten privaten und \u00f6ffentlichen F\u00fchrungsstandards bew\u00e4hrt. Es ist zu einer Bastion der europ\u00e4ischen Identit\u00e4t geworden, weil er durch Kompromisse und Anstrengungen gepr\u00e4gt ist. Alle L\u00e4nder \u2013 ohne einen einzigen Abweichler \u2013 haben sich an die Konditionalit\u00e4t gehalten. Das ist eine politische Demonstration, die nicht auf taube Ohren sto\u00dfen sollte. Das Zentrum im Norden steht nun unter Druck, \u00fcber einen Perspektivwechsel nachzudenken und die kurzfristigen wirtschaftlichen Kosten gegen\u00fcber den potenziell enorm gro\u00dfen politischen Ertr\u00e4gen abzuw\u00e4gen.<\/p>\n<p><strong>Hoffen auf die deutsch-franz\u00f6sische Achse<\/strong><br \/>\nDenn dies ist der richtige Moment f\u00fcr einen solchen Perspektivwechsel. Das auf Regeln, Vereinbarungen und Kompromisse ausgelegte europ\u00e4ische Modell ist besser geeignet, den globalen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts zu begegnen als die angels\u00e4chsisch gepr\u00e4gten Nationalstaaten. Daraus erwachsen nicht nur Pflichten f\u00fcr Europa, sondern auch neue Chancen. Wie eine positive Haltung aussehen k\u00f6nnte, hat bisher kaum jemand erforscht oder seinen W\u00e4hlern erkl\u00e4rt \u2013 mit Ausnahme des franz\u00f6sischen Pr\u00e4sidenten Emmanuel Macron. Es w\u00e4re ein gro\u00dfer Fehler, seine ausgestreckte Hand nicht zu ergreifen.<\/p>\n<p>Wegen der Lage in der Euro-Zone und wegen seiner Eigenheiten, seiner Vergangenheit und seiner St\u00e4rke ist Deutschland das einzige Land, das die F\u00fchrung \u00fcbernehmen kann. Wirtschaftliche Macht und St\u00e4rke gehen mit Verantwortung einher. Kein anderes Land hat unter dem Irrsinn der identit\u00e4ren Politik so gelitten und sie so \u00fcberwunden. Zusammen mit Frankreich gibt es niemanden, der das Paradox einer europ\u00e4ischen Kernidentit\u00e4t besser verk\u00f6rpert: ihre historische Inspiration und ihre Bedeutung als Transportmechanismus, eine Art von Zivilisation, die \u00fcber die Kulturen hinausreicht.<\/p>\n<p>Europa wird sich der historischen Bedeutung dieses Augenblicks erst im Nachhinein bewusst werden. In dieser Konstellation des 21. Jahrhunderts muss die westliche Zivilisation auf die deutsch-franz\u00f6sische Achse hoffen \u2013 auf L\u00f6sungen auf der Basis von Aufkl\u00e4rung und Vernunft. Das, so hoffen wir, ist der Kern dessen, \u00fcber was die Deutschen debattieren werden.<\/p>\n<p><strong>Fernando Primo de Rivera<\/strong> ist CEO und Chief Investment-Officer bei Armada-Capital in Madrid und Mitglied von United Europe. Er ist Anwalt und \u00d6konom mit einer Leidenschaft f\u00fcr europ\u00e4ische Geschichte und Philosophie.<\/p>\n<p><em>Der Artikel ist erstmals erschienen in IP Wirtschaft 1, M\u00e4rz &#8211; Juni 2018, S. 58 &#8211; 63, https:\/\/zeitschrift-ip.dgap.org\/de\/ip-die-zeitschrift\/ip-wirtschaft\/ip-wirtschaft-archiv\/01-2018-spanien\/hart-aber-heilsam<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gut acht Jahre nach Beginn der Euro-Krise l\u00e4sst sich sagen: Europas Spar- und Rettungspolitik war ein Erfolg. 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