{"id":8634,"date":"2017-12-18T13:47:47","date_gmt":"2017-12-18T12:47:47","guid":{"rendered":"https:\/\/www.united-europe.eu\/?p=8634"},"modified":"2019-05-17T13:53:26","modified_gmt":"2019-05-17T11:53:26","slug":"europas-platz-im-weltdorf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.united-europe.eu\/de\/2017\/12\/europas-platz-im-weltdorf\/","title":{"rendered":"Europas Platz im Weltdorf"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_8636\" aria-describedby=\"caption-attachment-8636\" style=\"width: 178px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/www.united-europe.eu\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/Wolfgang-Schuessel.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-8636 \" src=\"https:\/\/www.united-europe.eu\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/Wolfgang-Schuessel-223x300.jpg\" alt=\"\" width=\"178\" height=\"236\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-8636\" class=\"wp-caption-text\">Dr. Wolfgang Sch\u00fcssel, Pr\u00e4sident United Europe<\/figcaption><\/figure>\n<h3 id=\"die-gute-konjunktur-oeffnet-im-kommenden-jahr-die-chance-europa-durch-nachhaltige-reformen-krisenfest-und-zukunftsstark-zu-machen-abgewandelt-never-waste-a-good-opportuni\">\u201eDie gute Konjunktur \u00f6ffnet im kommenden Jahr die Chance, Europa durch nachhaltige Reformen krisenfest und zukunftsstark zu machen. Abgewandelt \u2013 \u201eNever waste a good opportunity\u201c!\u00a0 Wer mit der Nostalgieeisenbahn unterwegs ist, riskiert, im Heimatmuseum aufzuwachen!\u201c<\/h3>\n<p><strong><br \/>\nSind Europas Krisen nun endlich vorbei oder sind wir noch mitten drin? Haben wir zwar die Finanzkrise einigerma\u00dfen \u00fcberstanden, \u00fcbersehen jedoch schon die kommende Springflut an Problemen?<\/strong><br \/>\n<strong>Wolfgang Sch\u00fcssel, Pr\u00e4sident von United Europe und ehemaliger Bundeskanzler von \u00d6sterreich, \u00fcber die Schutzmacht Europa und ihren Platz im Weltdorf von morgen.<\/strong><\/p>\n<p>Jeder versteht das Aufatmen in Br\u00fcssel und den Hauptst\u00e4dten nach den Wahlen in den Niederlanden, in Frankreich, Deutschland und \u00d6sterreich. Alle hoffen nat\u00fcrlich auf ein vern\u00fcnftiges Ergebnis der Brexit-Verhandlungen und einen Kompromiss im spanisch-katalanischen Verfassungsstreit. Alle w\u00fcnschen den Pr\u00e4sidenten Juncker und Tusk Erfolg bei den kommenden Gespr\u00e4chsrunden zur Einbindung der Visegrad-L\u00e4nder. Viel wird von einer erneuerten Aktionsgemeinschaft Frankreich-Deutschland und der pers\u00f6nlichen Chemie zwischen Emmanuel Macron und Angela Merkel abh\u00e4ngen, um innerhalb der bestehenden Vertr\u00e4ge die Schlagkraft der EU im internationalen Wettbewerb zu verst\u00e4rken. Dazu geh\u00f6ren die Vertiefung des Binnenmarktes, pr\u00e4zisere und \u00fcberwachte (!) Regeln des Stabilit\u00e4ts- und Wachstumspaktes, die Entwicklung einer sicheren Banken- und Kapitalmarktunion, der Schutz der Aussengrenzen, eine gemeinsame Au\u00dfen-, Sicherheits- und Verteidigungspolitik.<\/p>\n<p><strong>Spannend ist der Blick auf die Zukunft.<\/strong><\/p>\n<ol>\n<li>Zun\u00e4chst zu den Europ\u00e4ern und ihrem Platz im Weltdorf von morgen: die Weltbev\u00f6lkerung blieb bis etwa 1800 recht stabil bei knapp 1 Milliarde Menschen, deren Lebenserwartung bei etwa 26 Jahren lag. Ein Drittel der Menschen lebte in Europa und erwirtschaftet rund die H\u00e4lfte des globalen BNP. 2030 werden 8,5 Milliarden unseren Planeten bewohnen, 2050 vielleicht sogar zehn. Die Zahl der \u00fcber 60-J\u00e4hrigen wird von 800 Mio. auf 2 Milliarden steigen. Europa stellt dann nur noch 5% der Weltbev\u00f6lkerung und etwa 10% der globalen Wirtschaftsleistung. All dies muss nicht unbedingt ein Nachteil sein \u2013 es erfordert jedoch eine massive Konzentration auf die Entwicklung unserer St\u00e4rken und Talente. Brain Power wird der wahre Rohstoff der Zukunft sein. Europa wird seinen Platz im Weltdorf \u2013 sowohl als Wirtschaftsstandort wie auch als Lebensmodell \u2013 erk\u00e4mpfen m\u00fcssen. Die gute Konjunktur \u00f6ffnet im kommenden Jahr die Chance, durch nachhaltige Reformen Europa krisenfest und zukunftsstark zu machen. Abgewandelt \u2013 \u00a0\u00a0\u201eNever waste a good opportunity\u201c! Wer mit der Nostalgieeisenbahn unterwegs ist, riskiert, im Heimatmuseum aufzuwachen!<\/li>\n<li>Sicherheit ist kein Selbstl\u00e4ufer: Unsere Welt ist kein friedlicher Planet. 400 bewaffnete Konflikte gibt es derzeit im Weltdorf. Die UNO unterst\u00fctzt 60 Millionen offiziell registrierte Fl\u00fcchtlinge durch das World Food Program und andere Agenturen; in Wirklichkeit werden es wohl zwei- bis dreimal so viele sein, die Hab und Gut verloren haben und oft gerade das nackte Leben retten konnten. Zugleich hat eine gigantische R\u00fcstungsspirale eingesetzt. In den letzten Jahren wurden die Waffenk\u00e4ufe weltweit um 50% gesteigert. Amerika gibt unfassbare 600 Mrd. $ pro Jahr f\u00fcr R\u00fcstung aus, die Chinesen erh\u00f6hten von 93 auf 235 Mrd. $ und wollen \u201eeine Weltklassearmee\u201c (Xi Jin Ping) formen, die Russen verdoppelten die Milit\u00e4rausgaben auf 70 Mrd. $ in 10 Jahren. Nur die EU-Ausgaben stagnieren. Dabei ist Europa milit\u00e4risch wahrlich kein Gigant. Fr\u00fcher gab es nicht einmal Ans\u00e4tze zu einer gemeinsamen Verteidigungs- und Sicherheitspolitik. Das scheint sich jetzt zu \u00e4ndern \u2013 und \u00d6sterreich darf hier (wie auch Schweden und Finnland) keinesfalls abseits stehen. Daf\u00fcr haben wir es in der Kunst der Diplomatie, des Vermittelns, der wirtschaftlichen und kulturellen Zusammenarbeit zur Meisterschaft gebracht. Hier hat uns sicher die traumatische Erfahrung von Jahrhunderten europ\u00e4ischer Kriege und Konflikte neue, kooperativere und nachhaltigere Sichtweisen erkennen und Strategien entwickeln lassen. Sie sind f\u00fcr die Zukunft unverzichtbar. Hand in Hand Cooperation \u2013 not Head to Head Confrontation ! Wenn diese \u201esoft power\u201c durch professionelle milit\u00e4rische Kapazit\u00e4ten zus\u00e4tzlich unterst\u00fctzt w\u00fcrde, w\u00e4re sie noch wesentlich wirksamer. Das Konzept der schnell einsetzbaren \u201ebattle groups\u201c k\u00f6nnte man \u00fcbertragen auf humanit\u00e4re Hilfseins\u00e4tze im Ausland und Zivilschutz im Inneren.<\/li>\n<li>Wie buchstabieren wir Souver\u00e4nit\u00e4t im 21. Jahrhundert: In seinem bahnbrechenden Werk \u201eGlobalisierungs-Paradox\u201c stellt der US-\u00d6konom Dani Rodrik fest, Globalisierung, Demokratie und nationale Souver\u00e4nit\u00e4t seien nie gleichzeitig zu haben. Man k\u00f6nne zwar Globalisierung begrenzen, um eine demokratische Legitimierung zu st\u00e4rken \u2013 oder mit Blick auf eine st\u00e4rkere\u00a0 Wettbewerbsf\u00e4higkeit die demokratischen Entscheidungen einschr\u00e4nken. Wieder eine andere M\u00f6glichkeit w\u00e4re, zulasten nationaler Selbstbestimmung globale Ziele zu erreichen. Meist dr\u00fcckt sich die Politik um klare Entscheidungen. W\u00e4hler sollen mitbestimmen, aber ja nicht populistischen Parteien ihre Stimme geben. Freihandel ja, aber in Krisensituationen sollten doch die heimischen Betriebe gesch\u00fctzt, ein Ausverkauf verhindert und national kontrolliert werden k\u00f6nnen. Also doch lieber Protektionismus als Freihandel ? Viele Entscheidungen sind heute zudem ausgelagert \u2013 an Finanzm\u00e4rkte, Ratingagenturen, Troika, Europ\u00e4ische Zentralbank, EWS, Europ\u00e4ischer Gerichtshof. Viele dieser Entscheidungen greifen tief ins Alltagsleben ein und entziehen sich einer demokratischen Kontrolle im herk\u00f6mmlichen Sinn. Daher fand der Ruf: \u201etake back control\u201c so gro\u00dfen Widerhall in der Remain\/Leave-Entscheidung der Briten. Auch Schotten, Katalanen und Autonomiebegehrer im Veneto, Korsika und der Lombardei artikulieren dies immer entschlossener. Daher wird eine kluge und ausgewogene Balance zwischen diesen Polen \u2013 internationale Wettbewerbsf\u00e4higkeit, Teilhabe der B\u00fcrger sowie nationale\/regionale Identit\u00e4t und Selbstbestimmung \u2013 \u00a0\u00a0unerl\u00e4sslich f\u00fcr die Zukunftsfestigkeit unseres europ\u00e4ischen Lebensmodells sein. Der Nationalstaat ist sicher noch kein \u00fcberlebtes Auslaufmodell, aber er muss die gro\u00dfe Leistung des Zusammenhaltens erbringen. Regionale Identit\u00e4ten allein k\u00f6nnen das nicht, Autarkie bleibt eine Sackgasse. Das Erfolgsmodell der Zukunft ist vielmehr die optimale Vernetzung, um auf allen Ebenen m\u00f6glichst viel Einfluss zu haben. Mitgestaltung und Mitverantwortung ist die Zukunftsformel der Souver\u00e4nit\u00e4t: nicht wer alles selbst macht, sondern wer seine Sichtweisen und Interessen bestm\u00f6glich ins Gemeinsame einbringt, hat die meisten Chancen. Ein wirksamer umgesetztes Subsidiarit\u00e4tsprinzip und kluge Dezentralisierung sollten wichtige Leitschienen werden. Gerade hier sollte der Einfluss kleinerer und mittlerer Staaten (KMS) innerhalb der Union viel st\u00e4rker sichtbar sein.<\/li>\n<li>Was kommt auf uns zu? Wichtige Herausforderungen f\u00fcr Europa werden in Wahlk\u00e4mpfen kaum angesprochen. Etwa die schleppende demografische Entwicklung unseres \u201ealten\u201c Kontinents als Nachbar eines \u00fcberaus dynamisch wachsenden Afrika, das seine Bev\u00f6lkerung in diesem Jahrhundert verdoppeln wird. Das kann einen \u00fcber Jahrzehnte andauernden Migrationsdruck ausl\u00f6sen, der mit unzureichenden Regeln und Institutionen nicht bew\u00e4ltigbar ist.\u00a0 Der effektive Schutz der EU-Au\u00dfengrenze, verbunden mit wirtschaftlichen Anreizen f\u00fcr die Nachbarstaaten, ist unverzichtbar. K\u00fcnstliche Intelligenz und Biotechnologie ver\u00e4ndern unsere Welt genauso oder noch st\u00e4rker als Elektrizit\u00e4t, Automobil und Fernsehen. All dies verlangt nach klugen europ\u00e4ischen Regeln; keine Nation ist dazu mehr in der Lage. Noah Harari nennt als die heute entscheidende Frage: \u201eWem geh\u00f6ren die Daten?\u201c Nicht Stahl, Autos, Textilien oder Chemie \u2013 sondern Gedanken, Ideen und Talente werden morgen die wichtigsten Wirtschaftstr\u00e4ger sein. Darauf muss sich Europa einstellen.<\/li>\n<li>Die \u00c4ngste alternder und wohlhabender Gesellschaften: Alle geschilderten Herausforderungen kommen in rasender Geschwindigkeit auf uns zu. Im Weltmassstab ist Europa der Kontinent der Alten und der Wohlhabenden. Sie werden \u2013 logischerweise \u2013 geplagt von Unsicherheit und Verlust\u00e4ngsten. Die Folge solcher Umbruchssituationen ist oft ein R\u00fcckzug der Menschen in einen vermeintlich sicheren Hafen. Motto: Zugbr\u00fccke hoch! Familie, Region, Religion, Nation, Ideologie. Manche B\u00fcrger werden aus einem Gef\u00fchl der \u00dcberfordertheit gar aggressiv, unzufrieden, chauvinistisch, r\u00fcckw\u00e4rtsgewandt. Und es gibt genug Demagogen, die diese Stimmungen ausbeuten. Ein Beschw\u00f6ren fr\u00fcherer Zeiten (\u201emake America great again\u201c), die so gro\u00dfartig gar nicht waren. Retropien, Leugnen wissenschaftlicher Erkenntnisse, Fake News, Experten-Bashing, Pflege von Feindbildern sind bew\u00e4hrte Accessoires dieser Zunft von Angstbewirtschaftern. Deswegen f\u00fchrt kein Weg daran vorbei, dass gerade \u00fcberzeugte Europ\u00e4er diese Auseinandersetzung aufnehmen und mit Leidenschaft f\u00fchren. Dem Populismus zuneigende B\u00fcrger sind ja oft gar weniger Feinde der Demokratie oder der Einigung Europas, sondern oft entt\u00e4uschte Demokraten und Europ\u00e4er. Jean Monnet, einer der gro\u00dfen Begr\u00fcnder unserer heutigen Union beschrieb\u00a0 einst als die zwei gro\u00dfen politischen Kr\u00e4fte: die Dynamik der Angst und die Dynamik der Hoffnung. Letztlich vertraute er aber immer der Kraft der Zuversicht . Ein Optimist, der scheitert, hat immer noch ein weit sinnvolleres Leben gef\u00fchrt als ein Pessimist, der Recht beh\u00e4lt.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Es lohnt sich, ein wenig mehr in die St\u00e4rkung dieser Zuversicht und in unsere europ\u00e4ische Identit\u00e4t zu investieren \u2013 es ist wahrlich kein Gegensatz, sich gleichzeitig als Wiener und \u00d6sterreicher und Europ\u00e4er zu f\u00fchlen oder stolz auf seine regionale Herkunft in Deutschland, Frankreich, Polen oder Italien zu sein ohne die Nation und die europ\u00e4ische Perspektive zu vergessen.\u00a0 \u00d6sterreich \u00fcbernimmt in 6 Monaten zum dritten Mal die EU Ratspr\u00e4sidentschaft, einige Monate sp\u00e4ter findet die\u00a0 wichtige Wahl zum Europaparlament statt. Vielleicht finden wir neben den schwierigen Pflichtaufgaben \u2013 Finanzvorschau der n\u00e4chsten 7 Jahre, Brexit-Verhandlungen, Klimaschutz, Binnenmarktst\u00e4rkung, Freihandelsabkommen etc. \u2013 auch noch die Kraft zu einigen kreativen Anst\u00f6\u00dfen. Etwa ein EU-Wirtschaftsprogramm f\u00fcr die gesamte Ostukraine mit US- und Russlandbeteiligung zur Begleitung und Absicherung der UNO\/OSZE Friedenstruppe.\u00a0 Ein Arbeitsauftrag f\u00fcr Alternativangebote zur EU Mitgliedschaft \u2013 Teilhabe am Binnenmarkt (EWR +)\u00a0 oder Mitmachen bei Polizei und Justizkooperation, Forschungsprogrammen, Schengen. Oder die Neuauflage einer fundierten Subsidiarit\u00e4tskonferenz; Was w\u00e4re mit einem Wettbewerb f\u00fcr einen zeitgem\u00e4\u00dfen Text der Europahymne, die ja musikalisch eine wahre \u201eOde an die Freude\u201c ist\u2026\u00a0 Oder erinnern wir an die Leuchtgestalten der Kultur in allen Mitgliedsl\u00e4ndern: Mozart w\u00fcrde sicher Europa w\u00e4hlen \u2013 wegen Harmonie und Zusammenspiel. Voltaire erinnert Europa an Toleranz, Michelangelo an Sch\u00f6nheit, Joyce an Heimat, Preschern an Freiheit, Pet\u00f6fi an Unabh\u00e4ngigkeit, Sokrates an Gedankenfreiheit, Havel an Wahrheit, Nobel an Frieden &#8230; Jede Nation k\u00f6nnte sich hier wiederfinden \u2013 alle zusammen ein faszinierendes Kaleidoskop unseres \u201eEuropean Way of Life\u201c , unseres einzigartigen europ\u00e4ischen Lebensmodells ergeben. Spannende Zeiten und ein reiches Bet\u00e4tigungsfeld f\u00fcr die Europafreunde 2018.<\/p>\n<p><em>Der Text ist erschienen in Trend, Ausgabe 50-52\/2017<br \/>\n<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eDie gute Konjunktur \u00f6ffnet im kommenden Jahr die Chance, Europa durch nachhaltige Reformen krisenfest und zukunftsstark zu machen. 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