{"id":4437,"date":"2015-07-07T17:18:21","date_gmt":"2015-07-07T17:18:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www.united-europe.eu\/?p=4437"},"modified":"2015-07-25T13:14:31","modified_gmt":"2015-07-25T13:14:31","slug":"japans-neue-energiestrategie-wie-geht-es-weiter-mit-der-kernkraft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.united-europe.eu\/de\/2015\/07\/japans-neue-energiestrategie-wie-geht-es-weiter-mit-der-kernkraft\/","title":{"rendered":"Japans neue Energiestrategie &#8211; Wie geht es weiter mit der Kernkraft?"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_4430\" aria-describedby=\"caption-attachment-4430\" style=\"width: 203px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/www.united-europe.eu\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/EXTRA_LARGE_AUTHOR.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-4430\" src=\"https:\/\/www.united-europe.eu\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/EXTRA_LARGE_AUTHOR.jpg\" alt=\"\" width=\"203\" height=\"244\" srcset=\"https:\/\/www.united-europe.eu\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/EXTRA_LARGE_AUTHOR.jpg 250w, https:\/\/www.united-europe.eu\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/EXTRA_LARGE_AUTHOR-83x100.jpg 83w, https:\/\/www.united-europe.eu\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/EXTRA_LARGE_AUTHOR-167x200.jpg 167w, https:\/\/www.united-europe.eu\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/EXTRA_LARGE_AUTHOR-100x120.jpg 100w\" sizes=\"auto, (max-width: 203px) 100vw, 203px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-4430\" class=\"wp-caption-text\">Report von\u00a0Prof. Dr. Stefan Lippert<\/figcaption><\/figure>\n<h4 id=\"ein-neuer-energieplan-der-den-zeitraum-bis-2030-projiziert-hinterlaesst-wichtige-fragen-zur-zukunft-der-kernkraft-in-japan-die-liberal-demokratisch-gefuehrte-japanische-regierung-von-premierministe\">Ein neuer Energieplan, der den Zeitraum bis 2030 projiziert, hinterl\u00e4sst wichtige Fragen zur Zukunft der Kernkraft in Japan. Die liberal-demokratisch gef\u00fchrte japanische Regierung von Premierminister Shinzo Abe h\u00e4lt bei den langfristigen Entscheidungen, die sie zur Energiepolitik im Anschluss an die nukleare Katastrophe in Fukushima im M\u00e4rz 2011 f\u00e4llt, nach politischem Kapital Ausschau.<\/h4>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Regierung Japans hat vier Jahre nach dem Reaktorunfall von Fukushima erste Schritte unternommen, um die Energiestrategie des Landes bis 2030 darzulegen. Der letzte Energieplan aus dem Jahr 2009 beabsichtigte, den Anteil der Atomstromerzeugung innerhalb des Energiemixes von 31 auf 49 Prozent zu erh\u00f6hen. Im Zuge der Katastrophe von Fukushima wurde dieser Plan obsolet. Japan ist seit 2012 atomkraftfrei. Die Stilllegung der gesamten Kernkraftkapazit\u00e4ten hat weder zu einer rapiden Deindustrialisierung noch zu einer wirtschaftlichen Kata- strophe gef\u00fchrt. Dies unterscheidet sich stark von den d\u00fcsteren Warnungen der \u201eNuclear-Village\u201c \u2013 der m\u00e4chtigen Pro-Atomkraft-Lobby, die hochrangige B\u00fcrokraten, F\u00fchrungskr\u00e4fte der Versorgungsbetriebe, Akademiker und Journalisten umfasst. Der Energiesektor Japans bewegte sich rasch hin zu fossilen Brennstoffen und erneuerbaren Energien und seit 2012 kam es zu keinem Stromausfall. Japan wurde in den beiden letzten Jahren zum zweitgr\u00f6\u00dften Markt f\u00fcr neue Solarsystem-Installationen weltweit, hinter China. Anders als in China ist der Markt f\u00fcr ausl\u00e4ndische Solarmodulhersteller, Projektentwickler und Finanzinvestoren zug\u00e4nglich. Solarfirmen aus Europa, S\u00fcdkorea und den Vereinigten Staaten haben sich im Bereich der kommerziellen, industriellen und der Mega-Solarsegmente eine bedeutende Marktposition geschaffen.<\/p>\n<h3 id=\"solarmarkt\">Solarmarkt<\/h3>\n<p>Der Wohnimmobilienmarkt wird von japanischen Akteuren beherrscht, allerdings verkaufen viele von Ihnen Paneele, die von chinesischen oder anderen asiatischen Herstellern unter ihrem eigenen Markennamen produziert wurden. Japan hat im Jahr 2014 neue Solarkapazit\u00e4ten in H\u00f6he von 9,7 GW installiert. Das entspricht 10 Atomreaktoren\u00a0oder 25 Prozent aller neuen Installationen weltweit (38,7 GW) in diesem Jahr. Im Vergleich dazu installierten laut Aussage der Internationalen Energieagentur (IEA) China offizielle 10,6 GW und die Vereinigten Staaten 6,2 GW. Asien ist nun, angetrieben von der starken Nachfrage in China und Japan, der am schnellsten wachsende Solarmarkt weltweit. Japan ist zu einem Versuchsgebiet f\u00fcr bahnbrechende Technologien geworden. Dies sind zum Beispiel schwimmende Solaranlagen und Windturbinen. Eine ultragro\u00dfe schwimmende Windturbine wurde am 22. Juni 2015 20 km vor der K\u00fcste des Verwaltungsbezirks Fukushima vorgestellt. Die Turbine mit einer Produktionsleistung von 7 MW ist das gr\u00f6\u00dfte einzelne Windenergieerzeugungsger\u00e4t weltweit.<\/p>\n<figure id=\"attachment_4431\" aria-describedby=\"caption-attachment-4431\" style=\"width: 317px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/www.united-europe.eu\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/Japan.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-4431\" src=\"https:\/\/www.united-europe.eu\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/Japan.jpg\" alt=\"\" width=\"317\" height=\"249\" srcset=\"https:\/\/www.united-europe.eu\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/Japan.jpg 229w, https:\/\/www.united-europe.eu\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/Japan-127x100.jpg 127w, https:\/\/www.united-europe.eu\/wp-content\/uploads\/2015\/07\/Japan-153x120.jpg 153w\" sizes=\"auto, (max-width: 317px) 100vw, 317px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-4431\" class=\"wp-caption-text\">Japan ist in den letzten beiden Jahren zum zweitgr\u00f6\u00dften Markt f\u00fcr neue Solarsystem-Installationen geworden (Foto: dpa)<\/figcaption><\/figure>\n<p><b>Energiemix<\/b><\/p>\n<p>Das experimentelle Projekt war vom Energieministerium (METI) in Auftrag gegeben worden, um Japans technologische F\u00e4higkeiten zu demonstrieren und die Exportm\u00e4rkte f\u00fcr heimische Turbinenhersteller wie Mitshubishi Heavy\u00a0Industries zu \u00f6ffnen. Die 220 Meter hohe Turbine wird ihren Betrieb im September aufnehmen. Betreiber ist ein Konsortium unter der F\u00fchrung der Marubeni Corporation. Es k\u00f6nnte letztendlich zu einer riesigen Windfarm mit 132 schwimmenden Turbinen f\u00fchren. Allerdings geht Japans neuer Energieplan nicht so weit, die Kapazit\u00e4t und die Effizienz der erneuerbaren Energien so voranzutreiben, um die nukleare Komponente innerhalb des Energiemixes zu ersetzen. Der Plan aus dem Jahr 2009 sagt einen Anteil an erneuerbaren Energien von 19 Prozent voraus. Sie setzen sich prim\u00e4r aus Wasser-, Wind-, Solar- und geothermischer Kraft zusammen. Der neue Plan schl\u00e4gt vor, dass die erneuerbaren Energien bis zum Jahr 2030 22 \u2013 24 Prozent des Energiemixes ausmachen sollten. Dies ist auf den ersten Blick nicht gerade ein gro\u00dfer Schritt. Der Plan zeigt aber in der Tat eine dramatische Verschiebung innerhalb der Energiestrategie Japans an zwei Fronten auf.<\/p>\n<h3 id=\"veraenderte-sichtweise\">Ver\u00e4nderte Sichtweise<\/h3>\n<p>Erstens: Die Verschiebung von der Wind- zur Solarenergie. Das Energieministerium METI, das eng mit der heimischen Stahl- und Maschinenindustrie und dem Umweltministerium verbunden ist, hat traditionell die Windkraft gegen\u00fcber der Solarenergie bevorzugt. Solarkraft wurde immer als dezentralisiert und unzuverl\u00e4ssig angesehen. Mehr als ein Zusatz f\u00fcr Eigenheimbesitzer denn als eine ernsthafte Energiequelle f\u00fcr die drittgr\u00f6\u00dfte Volkswirtschaft der Welt. Die Regierung hat ihre Sichtweise ge\u00e4ndert und spiegelt damit den starken Markttrend in Richtung Solarkraft wider. Der neue Plan erwartet, dass die Solarenergie im Jahr 2030 sieben Prozent der produzierten Energie erzeugt, verglichen mit nur 1,7 Prozent f\u00fcr Windenergie. Die Erzeugungskapazit\u00e4t f\u00fcr Solarenergie muss auf 70 GW steigen, um diese Outputgr\u00f6\u00dfe zu erreichen, die f\u00fcr Windkraft wiederum nur auf 10 GW. Dieser Plan st\u00fctzt sich auf Kostensch\u00e4tzungen, bei denen die Solarenergie-Kosten von 24,30 Yen (0,20 US$) auf 12,70 bis 15,50 Yen (0,10 US $ &#8211; 0,13 US$) pro KWh im Jahr 2030 fallen. F\u00fcr die Windenergie werden bedeutend geringere Preisr\u00fcckg\u00e4nge vorhergesagt, von 29,40 Yen (0,24 US$) heute auf zwischen 13,90 und 21,90 Yen (0,11 \u2013 0,18 US$) in 2030.<\/p>\n<h3 id=\"exportmaerkte\">Exportm\u00e4rkte<\/h3>\n<p>Die Windkraft-Lobby protestiert, dass METI nur die Onshore-Windkraftanlagen ber\u00fccksichtigt hat und die M\u00f6glichkeiten einer Industrie ignoriert hat, die sich zunehmend Offshore bewegt, vor allem in Europa. Dieses Argument hat eine zweifache Problematik.<\/p>\n<p>Die Offshore-Windkraft ist signifikant teurer, was am Ende von den Haushalten oder dem Unternehmenssektor getragen werden m\u00fcsste. Somit ist die vermutete Preissenkung unrealistisch, wenn ein h\u00f6herer Offshore-Anteil angenommen wird, sei er fest installiert oder schwimmend. METI unterst\u00fctzt auch direkt die Entwicklung und Errichtung von Hochleistungswindturbinen, als ein Teil ihrer Industriepolitik. Sie zielt dabei darauf ab, die Exportm\u00e4rkte f\u00fcr die heimische Schwerindustrie und die Maschinenunternehmen zu \u00f6ffnen.<\/p>\n<p>Zweitens: Die Unsicherheit hinsichtlich der Atomkraft. METI sagt, dass die Atomkraft 20-22 Prozent des Energiemixes ausmachen sollte. Dies ist die erste quantitative Festlegung der \u201eGrundlast\u201c, \u00fcber die die Regierung von Premierminister Shinzo Abe seit 2013 immer nur vage gesprochen hat. Es ist eine immense Reduzierung gegen\u00fcber dem vorangegangenen Ziel von 49 Prozent.<\/p>\n<h3 id=\"atomkraft\">Atomkraft<\/h3>\n<p>Es hat anf\u00e4nglich auf einen moralischen Sieg des umweltfreundlichen Lagers f\u00fcr nachhaltige Ressourcen hingedeutet. Dieses Lager bem\u00fcht sich darum, Japans \u201eNuclear Village\u201c zu demontieren und Japan als einen weltweiten F\u00fchrer \u201eGr\u00fcner Technologien\u201c zu positionieren. METI schl\u00e4gt vor, dass der Rest des Energiemixes auf fossile Brennstoffe entf\u00e4llt &#8211; 27 Prozent auf Fl\u00fcssigerdgas, 26 Prozent auf Kohle und drei Prozent auf \u00d6l. Die 20 \u2013 22 Prozent an Atomkraft sind weniger als die H\u00e4lfte des Ziels aus dem Jahr 2009. Sie sind aber immer noch relativ hoch und ziemlich unrealistisch, wenn man die politischen, wirtschaftlichen und technischen Gr\u00fcnde bedenkt. Politisch gesehen hat sich die regierende Liberal-Demokratische Partei (LDP) selbst zu einer \u201eReduzierung der Atomkraft\u201c verpflichtet. Dies bedeutet, dass die Partei zwar pro-Atomkraft eingestellt bleibt, dass sie aber auch \u00fcber die konstante Mehrheit der Bev\u00f6lkerung nachdenkt, die gegen die Atomenergie ist oder ihr zumindest skeptisch gegen\u00fcbersteht. Umfrage um Umfrage best\u00e4tigt, dass die \u201eNuclear Village\u201c das Vertrauen der gro\u00dfen Mehrheit der Bev\u00f6lkerung verloren hat.<\/p>\n<h3 id=\"strippen-ziehen\">Strippen ziehen<\/h3>\n<p>Die LDP, die sich unabl\u00e4ssig darauf konzentrierte, an der Macht zu bleiben, erkannte, dass sie die bittere Pille schlucken musste, um zu verhindern, dass die immer noch zerr\u00fcttete Opposition \u201eniedrig h\u00e4ngende Fr\u00fcchte\u201c erntet und eine wirkungsvolle Plattform aufbaut. Versuche von einigen Energieversorgern einige wenige Reaktoren in von\u00a0Tokio weit entfernten Verwaltungsbezirken wieder ans Netz zu bringen, haben zu einem erbitterten politischen und juristischen Widerstand gef\u00fchrt. Die lokal operierenden Anti-Kernkraft-Gruppen sind sehr gut organisiert. Sie sind nicht im Kokkai, der Nationalversammlung Japans, repr\u00e4sentiert, aber sie wissen, welche Strippen sie auf lokaler Ebene ziehen m\u00fcssen. Es ist nur noch ein Argument des ganzen Arsenals an Pro-Atomkraft-Gr\u00fcnden \u00fcbriggeblieben, das von den Versorgungsbetrieben und den \u201eBig-Business\u201c-Lobbys betont wird \u2013 der Arbeitsmarkt in diesen entlegenen Regionen entlang der K\u00fcstenlinie, wo nur noch die Fischerei die einzig andere bemerkenswerte Einkommensquelle darstellt. Ein solches Gebiet ist die Westk\u00fcste des Verwaltungsbezirks Kagoshima, zwei Stunden Flug von Tokio entfernt. Die zwei Reaktoren der Sendai-Anlage wurden in \u00dcbereinstimmung mit den strikten Richtlinien, die von der neu geschaffenen \u201eNuclear Regulatory Authority\u201c nach der Fukushima-Katastrophe aufgestellt worden waren, f\u00fcr einen Neustart freigegeben. Kommunalpolitiker und lokale Beh\u00f6rden haben in Anbetracht der Besch\u00e4ftigungssituation den Neustart gebilligt, der f\u00fcr September erwartet wird.<\/p>\n<h3 id=\"stilllegungskosten\">Stilllegungskosten<\/h3>\n<p>Der Neustart der Anlage w\u00e4re ein symbolisches Ereignis, aber es w\u00fcrde nicht die Schleusen f\u00fcr eine massive Renuklearisierung \u00f6ffnen, da die Opposition &#8211; und folglich auch das politische Risiko f\u00fcr die LDP &#8211; bestehen bleibt. Der Bericht der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEA) vom Mai 2015, der offen die Tokyo Electric Power Company (TEPCO) und die Kernkraftbeh\u00f6rden daf\u00fcr kritisiert, dass sie um die Risiken der Fukushima-Anlagen wussten, es ihnen aber nicht gelang, Sicherheitsma\u00dfnahmen zu ergreifen, hat dem Anti-Kernkraft-Lager einen Schub verliehen.<\/p>\n<p>Wirtschaftlich gesehen sind die wahren Kosten der Kernenergie ein zentrales Thema auf politischer Ebene geworden. Vier Versorgungsbetriebe haben angek\u00fcndigt, dass sie f\u00fcnf Reaktoren, die mindestens 40 Jahre alt sind, stilllegen w\u00fcrden, anstatt einen Neustart zu beantragen, der die Nutzungsdauer um weitere zwei Jahrzehnte verl\u00e4ngern k\u00f6nnte. METI sch\u00e4tzt, dass sich die Stilllegungskosten auf 290 \u2013 670 Millionen US$ pro Reaktor belaufen w\u00fcrden, abh\u00e4ngig von der Gr\u00f6\u00dfe, dem Typ und dem Zustand. Die meisten Experten glauben, dass diese Sch\u00e4tzungen extrem niedrig sind. Sie beinhalten zum Beispiel nicht die Entsorgung nuklearer Abf\u00e4lle.<\/p>\n<h3 id=\"abfallentsorgungsprobleme\">Abfallentsorgungsprobleme<\/h3>\n<p>Auf drei Fragen gibt es bislang keine Antworten:<\/p>\n<ul>\n<li>Was soll man mit dem verbrauchten Kernbrennstoff\u00a0machen?<\/li>\n<li>Wo soll man den h\u00f6chst radioaktiven Abfall lagern?<\/li>\n<li>Wer zahlt f\u00fcr die Stilllegung: Die Versorgungsbetriebe, die\u00a0Kunden oder der Steuerzahler?<\/li>\n<\/ul>\n<p>Die Regierung hat die Kommunalverwaltungen wiederholt gefragt, sich freiwillig als Atomm\u00fclllager zur Verf\u00fcgung zu stellen, aber bislang gab es keine Freiwilligen. Die verbliebenen Atomkraftwerke werden weiterhin als Lagerst\u00e4tten dienen, bis eine endg\u00fcltige L\u00f6sung gefunden wird \u2013 eine fantasiereiche Umschreibung in der Innenpolitik f\u00fcr eine Verschleppung ad infinitum, \u00e4hnlich wie man mit dem Problem der Staatsschulden in Japan umgeht.<\/p>\n<h3 id=\"technisch-unrealistisch\">Technisch unrealistisch<\/h3>\n<p>Technisch gesehen ist der Plan unrealistisch, da es Japan an der atomaren Kapazit\u00e4t fehlt, um das Ziel von 20 bis 22 Prozent zu erreichen. Nimmt man an, dass der Energieverbrauch mit der BIP-Rate steigt, w\u00e4re die Gesamtkapazit\u00e4t, die man im Jahr 2030 ben\u00f6tigt, 280 GW. Die ben\u00f6tigte atomare Kapazit\u00e4t von 56 \u2013 60 GW kann mit der derzeitigen Flotte der verbliebenen 43 Reaktoren nicht erreicht werden, und das selbst, wenn alle 40 Jahre alten Reaktoren eine einmalige Verl\u00e4ngerung um 20 Jahre erhalten, was aus politischen, kommerziellen und technischen Gr\u00fcnden unrealistisch ist. Neue Reaktoranlagen von Grund auf zu bauen steht politisch gesehen au\u00dfer Frage. Wenn man von einer Renuklearisierung ausgeht, die f\u00fcr eine Stromerzeugungskapazit\u00e4t von 15 GW steht und sechs Prozent des Energiemixes des Jahres 2030 entspricht, dann besteht das realistischste Szenario darin, das 10 bis 15 Reaktoren wieder angefahren werden. Diese Zahl w\u00fcrde sich auf 7-8 Prozent ver\u00e4ndern, wenn die zwei Anlagen, die sich im Bau befinden, hinzugef\u00fcgt werden.<\/p>\n<h3 id=\"perspektive\">Perspektive<\/h3>\n<p>Es gibt drei zentrale Szenarien f\u00fcr Japans Energie-Perspektive auf mittlere Sicht. Das erste Szenario geht von einer Entwicklung in \u00dcbereinstimmung mit der von METI vorgeschlagenen Energiestrategie aus. Dabei w\u00fcrden auf die Atomkraft und die erneuerbaren Energien jeweils ungef\u00e4hr ein F\u00fcnftel des erzeugten Stroms entfallen. Solch ein Ergebnis w\u00fcrde den traditionellen Pro-Atomkraftkr\u00e4ften einschlie\u00dflich dem \u201eBig\u00a0Business\u201c und den Versorgungsbetrieben gefallen und es w\u00fcrde auch das \u00f6ffentliche Anti-Kernkraftgef\u00fchl widerspiegeln. Die LDP kann \u00fcberzeugend argumentieren, dass die Reduzierung von 49 Prozent auf 20-22 Prozent ein riesiger Schritt ist. Die Wahrscheinlichkeit, dass dieses Szenario eintreten wird, ist allerdings gering, da es de facto die Konstruktion einer ganzen Flotte von 20-30 neuer Reaktoren erfordert. Dies steht politisch und wirtschaftlich au\u00dfer Frage, es sei denn, dass Japan mit einem unvorhergesehenen \u201e\u00d6lpreisschock\u201c konfrontiert wird, der die Dollarpreise f\u00fcr fossile Brennstoffe so hoch treibt, dass Japan sich das nicht mehr l\u00e4nger leisten kann.<\/p>\n<h3 id=\"politische-sichtweise\">Politische Sichtweise<\/h3>\n<p>Das zweite Szenario geht von einem kompletten Ausstieg aus der Kernenergie bis zum Jahr 2030 aus \u2013 \u00e4hnlich der Ausstiegsstrategie von Deutschland, Italien und der Schweiz.<\/p>\n<blockquote><p>Politisch gesehen hat sich die regierende Liberal-Demokratische Partei (LDP) selbst zu einer \u201eReduzierung der Atomkraft\u201c verpflichtet. Dies bedeutet, dass die Partei zwar pro-Atomkraft eingestellt bleibt, dass sie aber auch \u00fcber die konstante Mehrheit der Bev\u00f6lkerung nachdenkt, die gegen die Atomenergie ist oder ihr zumindest skeptisch gegen\u00fcbersteht.<\/p><\/blockquote>\n<p>Dies\u00a0war von der vorhergehenden Regierung unter Premierminister Yoshihiko Noda vorgeschlagen worden.\u00a0Japan ist seit drei Jahren frei von Kernkraft und die Bev\u00f6lkerung hat sich daran gew\u00f6hnt. Es gibt allerdings keine gro\u00dfe politische Kraft wie die \u201eGr\u00fcnen\u201c in Deutschland, die sich auf den nuklearen Ausstieg konzentriert. Wenn es solch eine Kraft geben w\u00fcrde, w\u00fcrde die LDP nicht z\u00f6gern die Kernkraft aufzugeben, wenn ihr solch ein Schritt helfen w\u00fcrde, im Amt zu bleiben \u2013 gerade so wie die CDU\/CSU in Deutschland. Die Partei w\u00fcrde eher die Unterst\u00fctzung der Netzwerkbetreiber verlieren als die n\u00e4chsten Parlamentswahlen im Jahr 2018. Die LDP neigt dazu, eine \u201eRenuklearisierung im kleinen Ma\u00dfstab\u201c zu verfolgen, solange der Druck durch die Anti-Kernkraftlager\u00a0nicht signifikant steigt. Dies bringt es mit sich, dass die Wahrscheinlichkeit f\u00fcr dieses zweite Szenario gering ist.<\/p>\n<h3 id=\"wiederanlaufen-der-reaktoren\">Wiederanlaufen der Reaktoren<\/h3>\n<p>Das dritte Szenario geht davon aus, dass im Verlauf der kommenden f\u00fcnf Jahre 10 bis 15 Reaktoren wieder anlaufen. Solch eine Renuklearisierung im kleinen Ma\u00dfstab w\u00fcrde f\u00fcr die Versorgungsbetriebe, das \u201eBig-Business\u201c und diejenigen, die argumentieren, dass Japan aktiv seine Nukleartechnologie f\u00f6rdern sollte, um eine nukleare Abschreckung aufbauen zu k\u00f6nnen, falls dies geopolitisch erforderlich w\u00fcrde, attraktiv wirken.<\/p>\n<p>Das Wiederanlaufen von 10 bis 15 Reaktoren w\u00fcrde nicht dazu f\u00fchren, dass die LDP im Jahr 2018 die Wahlen verliert. In diesem Szenario k\u00f6nnen Finanzinvestoren und Unternehmen, die im Sektor der erneuerbaren Energien t\u00e4tig sind, erwarten, dass das Einspeisetarifprogramm<\/p>\n<p>fortgesetzt wird. Die\u00a0Tarife d\u00fcrften weiter reduziert werden, aber die Architektur der Basisunterst\u00fctzung wird erhalten bleiben. Das \u201eBig Business\u201c hat praktisch die Hoffnung\u00a0auf eine atomare Renaissance in Japan aufgegeben. Die drei Gro\u00dfen in Japans Atomindustrie \u2013 Toshiba\/Westinghouse, Hitachi und Mitsubishi Heavy \u2013 visieren den internationalen Markt an, bislang allerdings mit wenig Erfolg, abgesehen von Instandhaltung und Stilllegung von Anlagen. Der von der Regierung gef\u00f6rderte Verkauf von Atomkraftwerken an Entwicklungsl\u00e4nder bleibt in h\u00f6chstem Ma\u00dfe unsicher. Indien zum Beispiel w\u00e4re daran interessiert, japanische Kernkrafttechnologie zu erwerben, aber die Diskussionen sind zwecklos, da Indien den Atomsperrvertrag nicht unterzeichnet hat. Beim dritten Szenario handelt es sich um das bei weitem wahrscheinlichste Ergebnis.<\/p>\n<p><span class=\"Apple-style-span\">Dieser Bericht wurde von<\/span> <span class=\"Apple-style-span\"><a href=\"http:\/\/www.geopolitical-info.com\/de\/expert\/professor-dr-stefan-lippert\" target=\"_blank\">Professor Dr. Stefan Lippert<\/a><\/span><span class=\"Apple-style-span\">\u00a0verfa\u00dft und wird unseren Mitgliedern mit freundlicher Genehmigung von \u00a9\u00a0 Geopolitical Information Service AG, Vaduz zur Verf\u00fcgung gestellt:<\/span><\/p>\n<p align=\"LEFT\"><span class=\"Apple-style-span\"><span class=\"Apple-style-span\"> <a href=\"http:\/\/www.geopolitical-info.com\/de\/\" target=\"_blank\">http:\/\/www.geopolitical-info.com\/de\/<\/a><\/span><\/span><\/p>\n<h3 id=\"verwandte-artikel\">Verwandte Artikel:<\/h3>\n<ul>\n<li><span class=\"Apple-style-span\"><a href=\"http:\/\/www.geopolitical-info.com\/de\/article\/1435132309329941000\" target=\"_blank\">Auslaufmodell Kohle bringt Deutschlands Energiewende an den Scheideweg\u00a0<\/a><\/span><\/li>\n<li><span class=\"Apple-style-span\"><a href=\"http:\/\/www.geopolitical-info.com\/de\/article\/1430981302261684700\" target=\"_blank\">Ein schwieriger Balanceakt zwischen Japan, S\u00fcdkorea und ihren ostasiatischen Nachbarn\u00a0<\/a><\/span><\/li>\n<li><span class=\"Apple-style-span\"><a href=\"http:\/\/www.geopolitical-info.com\/de\/article\/1429682806440317600\" target=\"_blank\">Hoffnung auf eine schrittweise Vers\u00f6hnung zwischen den gro\u00dfen Volkswirtschaften Asiens\u00a0<\/a><\/span><\/li>\n<li><span class=\"Apple-style-span\"><a href=\"http:\/\/www.geopolitical-info.com\/de\/article\/1425899663466324100\" target=\"_blank\">Das Geiseldrama sch\u00fcrt die Diskussion \u00fcber Japans geopolitische Rolle<\/a><\/span><\/li>\n<\/ul>\n<p align=\"LEFT\"><a href=\"https:\/\/www.united-europe.eu\/wp-content\/uploads\/2014\/09\/GIS-logo-claim-final.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-2159\" src=\"https:\/\/www.united-europe.eu\/wp-content\/uploads\/2014\/09\/GIS-logo-claim-final-300x108.png\" alt=\"GIS-logo-claim-final\" width=\"111\" height=\"40\" srcset=\"https:\/\/www.united-europe.eu\/wp-content\/uploads\/2014\/09\/GIS-logo-claim-final-300x108.png 300w, https:\/\/www.united-europe.eu\/wp-content\/uploads\/2014\/09\/GIS-logo-claim-final.png 320w, https:\/\/www.united-europe.eu\/wp-content\/uploads\/2014\/09\/GIS-logo-claim-final-180x65.png 180w\" sizes=\"auto, (max-width: 111px) 100vw, 111px\" \/><\/a><\/p>\n<div>\u00a0\u00a9\u00a0Geopolitical Information Service AG, Vaduz<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.geopolitical-info.com\" target=\"_blank\">www.geopolitical-info.com<\/a><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein neuer Energieplan, der den Zeitraum bis 2030 projiziert, hinterl\u00e4sst wichtige Fragen zur Zukunft der Kernkraft in Japan. Die liberal-demokratisch gef\u00fchrte japanische Regierung von Premierminister Shinzo Abe h\u00e4lt bei den&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":16,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[620],"tags":[506,504,508,502,505,507,509,503,513],"powerkit_post_featured":[],"class_list":{"0":"post-4437","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","6":"category-news-de","7":"tag-akw","8":"tag-atomkraft","9":"tag-fukushima","10":"tag-japan","11":"tag-kernkraft","12":"tag-kkw","13":"tag-neue-energie","14":"tag-nuklear","15":"tag-reaktor"},"acf":[],"aioseo_notices":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.united-europe.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4437","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.united-europe.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.united-europe.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.united-europe.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/16"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.united-europe.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4437"}],"version-history":[{"count":17,"href":"https:\/\/www.united-europe.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4437\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4491,"href":"https:\/\/www.united-europe.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4437\/revisions\/4491"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.united-europe.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4437"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.united-europe.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4437"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.united-europe.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4437"},{"taxonomy":"powerkit_post_featured","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.united-europe.eu\/de\/wp-json\/wp\/v2\/powerkit_post_featured?post=4437"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}