{"id":2021,"date":"2014-07-08T15:54:38","date_gmt":"2014-07-08T15:54:38","guid":{"rendered":"https:\/\/www.united-europe.eu\/?p=2021"},"modified":"2016-02-15T21:50:55","modified_gmt":"2016-02-15T21:50:55","slug":"stagnation-oder-durchstarten-wie-es-nach-der-euro-krise-weitergeht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.united-europe.eu\/de\/2014\/07\/stagnation-oder-durchstarten-wie-es-nach-der-euro-krise-weitergeht\/","title":{"rendered":"Stagnation oder Durchstarten: Wie es nach der Euro-Krise weitergeht"},"content":{"rendered":"<p>Hat Europa die Euro-Krise bew\u00e4ltigt? Der \u00f6sterreichische W\u00e4hrungsexperte Thomas Wieser, Leiter der Arbeitsgruppe Eurogroup des EU-Ministerrats, gab eine verbl\u00fcffende Antwort: Erstens sei die Krise noch nicht vorbei, und zweitens habe es sich \u00fcberhaupt nicht um eine Euro-Krise gehandelt. \u201cDie Industrie-Staaten befinden sich in einer Globalisierungskrise, die ihren Ausgang in ihrer fehlenden Anpassung an die Herausforderungen der Konkurrenz durch emerging markets nahm\u201c, sagte Wieser bei einer United-Europe-Diskussion im kleinen Kreis., die am 24. Juni in M\u00fcnchen stattfand. \u201eIn dieser Zeit wurden die Schwellenl\u00e4nder zu einer zunehmenden Konkurrenz f\u00fcr Produktion und Besch\u00e4ftigung am unteren Ende der Wertsch\u00f6pfungskette. Netto war die Globalisierung f\u00fcr Europa ein Vorteil, aber die Verteilung war ungleichm\u00e4\u00dfig.\u201c<\/p>\n<figure id=\"attachment_2018\" aria-describedby=\"caption-attachment-2018\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/www.united-europe.eu\/wp-content\/uploads\/2014\/07\/Thomas-Wieser.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-2018 size-medium\" src=\"https:\/\/www.united-europe.eu\/wp-content\/uploads\/2014\/07\/Thomas-Wieser-300x168.jpg\" alt=\"Dr. Thomas Wieser, Vorsitzender der Arbeitsgruppe Eurogroup des EU-Ministerrats\" width=\"300\" height=\"168\" srcset=\"https:\/\/www.united-europe.eu\/wp-content\/uploads\/2014\/07\/Thomas-Wieser-300x168.jpg 300w, https:\/\/www.united-europe.eu\/wp-content\/uploads\/2014\/07\/Thomas-Wieser-320x180.jpg 320w, https:\/\/www.united-europe.eu\/wp-content\/uploads\/2014\/07\/Thomas-Wieser-560x315.jpg 560w, https:\/\/www.united-europe.eu\/wp-content\/uploads\/2014\/07\/Thomas-Wieser-178x100.jpg 178w, https:\/\/www.united-europe.eu\/wp-content\/uploads\/2014\/07\/Thomas-Wieser-355x200.jpg 355w, https:\/\/www.united-europe.eu\/wp-content\/uploads\/2014\/07\/Thomas-Wieser-532x300.jpg 532w, https:\/\/www.united-europe.eu\/wp-content\/uploads\/2014\/07\/Thomas-Wieser-180x101.jpg 180w, https:\/\/www.united-europe.eu\/wp-content\/uploads\/2014\/07\/Thomas-Wieser.jpg 632w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-2018\" class=\"wp-caption-text\">Thomas Wieser, Vorsitzender der Arbeitsgruppe Eurogroup des EU-Ministerrats<\/figcaption><\/figure>\n<p>Um das starke Absinken der Einkommen am unteren Ende der Skala zu verhindern, h\u00e4tten die Regierungen der Industriel\u00e4nder Gegenma\u00dfnahmen ergriffen, sagte Wieser, der zugleich Vorsitzender des Wirtschafts- und Finanzausschusses des EU-Ministerrats ist. Als positives Beispiel nannte der EU-Experte dabei Schweden: Dort habe man sich um die bessere Qualifizierung der Arbeitskr\u00e4fte bem\u00fcht, um zu erreichen, dass m\u00f6glichst viele hoch oben in der Wertsch\u00f6pfungskette arbeiten und produzieren k\u00f6nnten. Die meisten Industriel\u00e4nder h\u00e4tten dagegen vor allem Symptombek\u00e4mpfung betrieben, um die sozialen Spannungen zu verringern: die Fr\u00fchpensionierungen ausgeweitet wie \u00d6sterreich, den Staatsdienst vergr\u00f6\u00dfert wie Griechenland oder die Lohnnebenkosten und die Steuern auf niedrige Eink\u00fcnfte ohne Gegenfinanzierung verringert.<\/p>\n<h2 id=\"waehrungsunion-beschleunigte-verschuldung\">W\u00e4hrungsunion beschleunigte Verschuldung<\/h2>\n<p>\u201eDies schien eine ganze Zeitlang zu funktionieren\u201c, sagte Wieser weiter. \u201e\u00dcber zwei oder drei Jahrzehnte hinweg wurde die Verflechtung des Welthandels immer enger. In den Industriestaaten ging damit allerdings ein erheblicher Anstieg der Verschuldung einher. Je nach Art der Ma\u00dfnahmen stiegen die Staatsschulden, die Schulden im Privatsektor oder der leverage im Bankensystem.\u201c<\/p>\n<p>Dies war die \u00f6konomische Basis, auf der 1999 die W\u00e4hrungsunion startete \u2013 mit dem Effekt noch h\u00f6herer Schulden. Denn die Zinskonvergenz in der Euro-Zone habe in manchen Mitgliedstaaten zu einer \u201eKonvergenz-Euphorie\u201c bei der Kreditaufnahme gef\u00fchrt, sagte Wieser. Durch den Wegfall des Wechselkursrisikos sei au\u00dferdem die fiskalische Disziplin geringer geworden; auch der Aufbau von negativen Leistungsbilanzsalden \u00fcber l\u00e4ngere Zeitr\u00e4ume wurde durch den Wegfall des Wechselkursrisikos von den M\u00e4rkten nicht sanktioniert. Die Konsequenz war eine \u00dcberschuldung des Bankensystems in L\u00e4ndern wie Spanien, wo die Institute die Spar\u00fcbersch\u00fcsse des Nordens in die eigene Volkswirtschaft kanalisiert hatten.<\/p>\n<h2 id=\"kein-plan-b\">Kein Plan B<\/h2>\n<figure id=\"attachment_2019\" aria-describedby=\"caption-attachment-2019\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/www.united-europe.eu\/wp-content\/uploads\/2014\/07\/Marcel_Fratzscher_press_kl.jpg.475156.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-2019 size-full\" src=\"https:\/\/www.united-europe.eu\/wp-content\/uploads\/2014\/07\/Marcel_Fratzscher_press_kl.jpg.475156.jpg\" alt=\"Professor Marcel Fratzscher, Pr\u00e4sident des Deutschen Instituts f\u00fcr Wirtschaftsforschung\" width=\"300\" height=\"200\" srcset=\"https:\/\/www.united-europe.eu\/wp-content\/uploads\/2014\/07\/Marcel_Fratzscher_press_kl.jpg.475156.jpg 300w, https:\/\/www.united-europe.eu\/wp-content\/uploads\/2014\/07\/Marcel_Fratzscher_press_kl.jpg.475156-150x100.jpg 150w, https:\/\/www.united-europe.eu\/wp-content\/uploads\/2014\/07\/Marcel_Fratzscher_press_kl.jpg.475156-180x120.jpg 180w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-2019\" class=\"wp-caption-text\">Professor Marcel Fratzscher, Pr\u00e4sident des Deutschen Instituts f\u00fcr Wirtschaftsforschung<\/figcaption><\/figure>\n<p>Marcel Fratzscher, Pr\u00e4sident des Deutschen Instituts f\u00fcr Wirtschaftsforschung in Berlin, schloss sich Wiesers Analyse weitgehend an. Er sprach von drei Krisen \u2013 einer Staatsschuldenkrise, eine Wirtschaftskrise und eine Bankenkrise. Entgegen der landl\u00e4ufigen Meinung habe die europ\u00e4ische W\u00e4hrungsunion aber diese Krisen nicht versch\u00e4rft, im Gegenteil. \u201eDer Euro war ein Garant daf\u00fcr, dass die Krisen nicht noch viel tiefer wurden\u201c, sagte Fratzscher, der zugleich Professor f\u00fcr Makro\u00f6konomie und Finanzen an der Humboldt-Universit\u00e4t zu Berlin ist.<\/p>\n<p>Fratzscher und Wieser warnten beide sehr nachdr\u00fccklich vor der Vorstellung, die Euro-Zone k\u00f6nne durch das Ausscheiden einzelner L\u00e4nder wie beispielsweise Griechenland stabilisiert werden. Ein einziges solches Ereignis w\u00fcrde ausreichen, um Investoren dauerhaft vor Anlagen in allen denkbar betroffenen Staaten abzuschrecken. Einen \u201ePlan B\u201c f\u00fcr die Euro-Zone \u2013 die Teilung in Nord- und S\u00fcd-Zone oder das Ausscheiden von zu tief verschuldeten L\u00e4ndern \u2013 sei daher v\u00f6llig unm\u00f6glich.<\/p>\n<h2 id=\"wie-schafft-man-wachstum\">Wie schafft man Wachstum?<\/h2>\n<p>Die EU-Regierungen gingen einen anderen Weg. Als Konsequenz aus der Krise verabschiedeten sie ein ganzes Paket von Ma\u00dfnahmen, um f\u00fcr die Zukunft die Fiskaldisziplin und die makro\u00f6konomische \u00dcberwachung zu verst\u00e4rken. Auch die Bankenunion soll helfen, eine Wiederkehr der Krise zu verh\u00fcten. Dennoch, so Wieser, bleibe das Grundproblem der hohen Verschuldung von Staat, Banken und Privatsektor bestehen. Der Abbau dieser Schulden (\u201edeleveraging\u201c) werde das Wachstum weiter d\u00e4mpfen; in der Euro-Zone liege das Potenzialwachstum unter den derzeitigen Umst\u00e4nden bei h\u00f6chstens einem Prozent im Jahr. \u201eEs ist sehr wahrscheinlich, dass Europa das n\u00e4chste Jahrzehnt in Stagnation verbringt, wenn es nicht gelingt, neue Impulse zu setzen\u201c, sagte Wieser.<\/p>\n<p>Wie k\u00f6nnen solche Wachstumsimpulse aussehen? Fratzscher und Wieser warnten angesichts des hohen Schuldenstandes vor einer Erh\u00f6hung der Staatsausgaben. Erforderlich seien Umschichtungen im Haushalt. Seit Mitte der 90er Jahre habe der Anteil der r\u00fcckw\u00e4rtsgewandten und passivierenden Ausgaben stark zugenommen, sagte Wieser. Die \u00f6ffentlichen Investitionen seien im Durchschnitt von 3,4 auf 1,8 Prozent des BIP gefallen. \u201eDie Struktur unserer Haushalte ist wachstumsfeindlich, und dies m\u00fcsste durch eine massive Umschichtung bei den Ausgaben korrigiert werden\u201c, sagte der Br\u00fcsseler Fachmann. \u201eWachstum muss durch eine gr\u00f6\u00dfere Wettbewerbsf\u00e4higkeit kommen, durch mehr Dynamik und neue Produkte, nicht durch noch mehr Schulden.\u201c<\/p>\n<h2 id=\"entscheidender-moment-fuer-die-zukunft-europas\">Entscheidender Moment f\u00fcr die Zukunft Europas<\/h2>\n<p>Fratzscher wies auch auf die Reformschw\u00e4che der sogenannten Nicht-Programml\u00e4nder hin \u2013 Mitglieder der Euro-Zone, die bisher nicht auf Hilfen in der Euro-Krise angewiesen waren und deren Wirtschafts- und Finanzpolitik deswegen keinen besonderen Auflagen unterliegt. \u201eWie bringt man ein Nicht-Programmland, das nicht die Pistole am Kopf hat, dazu, Reformen umzusetzen?\u201c, fragte der Berliner Wissenschaftler. Sorgen machten vor allem Italien sowie in einem geringeren Ma\u00dfe Frankreich. Aber auch Deutschland sei wirtschaftlich weit weniger gut f\u00fcr die Zukunft ger\u00fcstet als die \u00d6ffentlichkeit glaube.<\/p>\n<p>Wachstum, so wurde in der Diskussion im kleinen Kreis deutlich, verlangt wesentlich bessere wirtschaftlichen Rahmenbedingungen und die St\u00e4rkung der Wettbewerbsf\u00e4higkeit Europas. Einen entscheidenden Impuls k\u00f6nnte die neue EU-Kommission setzen, wenn sie rasch und konsequent die Vollendung des Binnenmarkts angeht. Denn in vielen Bereichen, von der Energiepolitik hin bis zur Anerkennung von Berufsabschl\u00fcssen, ist der europ\u00e4ische Markt nach wie vor zersplittert.<\/p>\n<p>Das Jahr 2014, so schloss Wieser, sei f\u00fcr die \u00f6konomische Zukunft Europas ein entscheidender Moment: Jetzt w\u00fcrden die Weichen gestellt, ob der Kontinent in eine lange Periode s\u00e4kularer Stagnation verfalle oder ob ein Durchstarten gelinge.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hat Europa die Euro-Krise bew\u00e4ltigt? 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