{"id":20109,"date":"2021-05-12T14:51:19","date_gmt":"2021-05-12T12:51:19","guid":{"rendered":"https:\/\/www.united-europe.eu\/?p=20109"},"modified":"2021-05-12T15:05:15","modified_gmt":"2021-05-12T13:05:15","slug":"china-hautnah-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.united-europe.eu\/de\/2021\/05\/china-hautnah-2\/","title":{"rendered":"China, hautnah (2)"},"content":{"rendered":"<p>Zweiter Teil eines Interviews von <strong>Anna Penninger,<\/strong> Young Professional Advisor bei United Europe, mit <strong>Pascal Nufer<\/strong>, einem ehemaligen <strong>Auslandskorrespondenten f\u00fcr das Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) in China<\/strong>.<\/p>\n<p>AP: \u201e Der chinesische Traum, der kommt auch in Ihrem Buch vor. Vollbesch\u00e4ftigung, Wohlstand ist ja in unseren Breiten und in Asien sehr anziehend. Der American Dream wurde wahrscheinlich vor 50-70 Jahren durch den Zweiten Weltkrieg legitimiert durch eine unabh\u00e4ngige freie Macht Amerika und den wirtschaftlichen Wohlstand, den Amerika dargestellt hat. Das mag skurril sein, aber k\u00f6nnen Sie sich vorstellen, dass wir den chinesischen Traum annehmen? Und was passiert mit den benachbarten L\u00e4ndern um China herum?&#8220;<\/p>\n<p>PN: \u201eNun, lassen Sie mich den Advocatus Diaboli spielen: Seit Beginn der Corona-Pandemie und der Berichterstattung dar\u00fcber, beobachte ich \u00c4u\u00dferungen auf Plattformen wie Twitter. Ich wundere mich, dass der Ruf nach Strenge und Autorit\u00e4t so laut ist \u2013 aber diese \u00abSehnsucht\u00bb der Menschen nach Kontrolle nicht zu Ende gedacht wird. Ich meine, dass China ein autorit\u00e4res System ist. Ausgerechnet aus der Schweiz kommt der Ruf nach mehr Autorit\u00e4t aus gewissen Kreisen, aus dem Land mit einer urdemokratischen Struktur. Das m\u00fcsste man eigentlich untersuchen, warum genau in unserem Raum Kurzschlussaussagen getroffen werden, die diesem chinesischen Traum entsprechen. Der chinesische Traum, eine starke F\u00fchrung sorgt f\u00fcr alle, bew\u00e4ltigt Krisen, dachte ich, f\u00e4llt vielleicht in zentralasiatischen L\u00e4ndern auf fruchtbaren Boden oder in Afrika. Man l\u00e4sst sich schnell hinreissen zu der Aussage: \u00abAch, China, dieses System hat doch nichts mit uns zu tun.\u00bb Allerdings, so scheint es, gibt es auch in unseren Breitengraden einige Personen, die sich durchaus offen f\u00fcr autorit\u00e4re Systeme zeigen. Ich glaube deshalt, das System China zwingt uns gewissermassen dazu, einen Wertedialog zu f\u00fchren. Der chinesische Traum mag diffus sein und sich ver\u00e4ndern \u2013 eigentlich ist er auch nebul\u00f6s definiert \u2013 aber er ist ein Gegenentwurf f\u00fcr einen Gro\u00dfteil der Welt. Ob wir die Inhalte hinterfragen, das so leben \u2013 das ist eine andere Frage. China tritt auf mit einfachen Formeln. Die \u00abhelping hand\u00bb kommt mit der Belt and Road Initiative, wird ausgestreckt und kann f\u00fcr Reichtum sorgen auf der Seite eines Partners. Dieser Ideologie wird damit entsprochen. 1989 hat sich eine Gruppierung mit ihrer Abwanderung als lebender Beweis gesehen, dass man im Kommunismus nicht reich werden kann. Jetzt, auch in der Regierungszeit von Donald Trump konnte China gewissermassen zeigen, dass die Werte auch in westlichen L\u00e4ndern mit F\u00fc\u00dfen getreten werden. Das ist nat\u00fcrlich g\u00fcnstig f\u00fcr ihre Narrative und ihr System. Myanmar ist ein Beispiel f\u00fcr ein Land, das sich nun am Scheideweg befindet, zwischen Ost und West als Wackelkandidat. Aber der Demokratisierungsprozess stellt sich ungleich anstrengender und langwieriger dar, als ein autorit\u00e4res System, das man \u00fcbers Land st\u00fclpt.&#8220;<\/p>\n<p>AP: \u201eAnstrengend ist das eine \u2013 aber die Konditionierung ist in China eine andere\u2026&#8220;<\/p>\n<p>PN: \u201eIch bin kein Soziologe, aber ich w\u00fcrde sagen, die Konditionierung ist da gegeben, wo das autorit\u00e4re System als Grundlage \u00fcber Generationen hinweg in Fleisch und Blut \u00fcbergegangen ist. Dann wird Demokratisierung sehr diffizil. Um nochmal auf das Beispiel zur\u00fcckzukommen. Ich habe Myanmar auch fr\u00fcher schon beobachtet, auch w\u00e4hrend die \u00ab\u00d6ffnung\u00bb in S\u00fcdostasien stattgefunden hat. Die iterative Aufstandsbewegung gegen das autorit\u00e4re System war durchaus vorhanden. Aber \u2013 das demokratische Denken wird nicht von der breiten Masse gest\u00fctzt. Erneut kommt es zu autorit\u00e4ren Tendenzen, was sicher mit der Konditionierung von vorher zu tun hat. Das Gegenbeispiel k\u00f6nnte Taiwan sein, auch S\u00fcdkorea. F\u00fcr die erfolgreiche Etablierung der demokratischen Strukturen muss man den wirtschaftlichen Beweis in Form von Wohlstandserh\u00f6hung erbringen k\u00f6nnen. Die untersten Besitzlosen, die \u00abNoHaves\u00bb, deren Situation sollte sich verbessern. Das hat in Myanmar nicht geklappt, da sind eben diese \u00abNoHaves\u00bb genau auf ihrer Stufe geblieben, die gleichen Kl\u00fcngelstrukturen haben sich bereichert und als einige der wenigen von der Ver\u00e4nderung profitiert. Dieser Trigger muss aber funktionieren. Die breite Akzeptanz gegen\u00fcber dem politischen System hat in China auch nur geklappt, weil sich innerhalb einer Generation diese Chance auf Reichtum ergeben hat. Die einen sagen, es hat trotz der Regierung funktioniert, die anderen sagen, es hat wegen der Regierung funktioniert. Fakt ist einfach: Es ist jetzt in der Regierungsperiode passiert, die diversen Schlussfolgerungen lassen sich nun nicht zu einer einzigen, eindeutigen kausalen Beziehung verkn\u00fcpfen.&#8220;<\/p>\n<p>AP: \u201eEs ist gewissermassen ein Live-Experiment, ich glaube das l\u00e4sst sich so sagen. Und daher ist es sogar von China aus schwer zu beurteilen, an was es wirklich liegt. Die Unsicherheitstoleranz in China scheint generell h\u00f6her zu sein als in Zentraleuropa.&#8220;<\/p>\n<p>PN: \u201eNat\u00fcrlich, da stimme ich zu. Jede Generation seit der Volksrepublik hat ein vollkommen anderes China erlebt. Die vier Generationen haben eine Kulturrevolution erlebt, andere den wirtschaftlichen Aufschwung. Ich hatte urspr\u00fcnglich geplant, eine Dokumentation zu diesen Generationen-Realit\u00e4ten aufzuziehen. Eine essentielle Frage, die ich Teilnehmern in der Dokumentation gestellt h\u00e4tte, lautete: Was sind die zentralen Themen ihrer Jugend und Kindheit? Dadurch wird der Kontrast der Generationen offensichtlich. Die Antworten auf solche Fragen bleiben gr\u00f6\u00dftenteils gleich in Europa, sie variieren allerdings enorm in China. Dort ist die Unsicherheitstoleranz hoch, weil man gewohnt ist, dass nichts so bleibt wie es war. Damit gehen Chinesen ungleich besser um als wir in Europa. Wenn Sie und ich nach chinesischem Gesetz arbeiten m\u00fcssen, wenn jemand uns fragen w\u00fcrde, einen Businessplan f\u00fcr China zu schreiben \u2013 das w\u00e4re aller Wahrscheinlichkeit nach haarstr\u00e4ubend f\u00fcr alle Europ\u00e4er. Da schleicht sich schnell das Gef\u00fchl ein, immer an der Grenze der Illegalit\u00e4t zu stehen, denn wir sind das Gegenteil gewohnt. In China ist das Normalit\u00e4t, man lernt fr\u00fch, damit zu leben. Die daraus entstehende Erfahrung f\u00f6rdert eine Stehaufm\u00e4nnchen-Mentalit\u00e4t. Bei der reichen sich \u2013 interessanterweise \u2013 ausgerechnet der amerikanische und chinesische Traum die Hand. Das f\u00fchrt dazu, dass auch nach einer Pleite schnell wieder Investoren gefunden werden. Wenn du eine gute Idee verkaufen kannst, flie\u00dft das Geld wieder. Chinesische Investoren sind sowieso schnell. Der Nachteil ist allerdings, dass wir Chinesen nicht festlegen k\u00f6nnen und das f\u00fchrt wiederum in Europa zu Unmut: Es ist schwer, auf einen Vertrag zu verweisen oder auf gewisse IP-Rechte. Die chinesische Antwort lautet n\u00e4mlich h\u00e4ufig: \u00abWir wissen schon, dass der Vertrag unterzeichnet wurde. Aber sehen Sie, die Situation hat sich ge\u00e4ndert.\u00bb Diese Reaktion muss man mit einrechnen, auch wenn es f\u00fcr uns schwierig ist. Wir sollten uns vergegenw\u00e4rtigen, dass diese Anpassung an Ver\u00e4nderung nicht b\u00f6swillig ist, auch \u00fcberlisten gilt als legitim. In China ist das eine Tugend, es zeigt, dass man schlauer ist als sein Gegen\u00fcber.&#8220;<\/p>\n<p>AP: \u201eEuropa wirkt tr\u00e4ge, das kommt in der Berichterstattung heutzutage \u00fcberhaupt nicht vor. Europa als b\u00fcrokratischer und schwerf\u00e4lliger Apparat, der fast altert\u00fcmlichen Gesetzen folgt \u2013 in einer VUCA Welt. Bei Handelsdeals wird trotz aller B\u00fcrokratie viel m\u00f6glich, wenn es drauf ankommt. Wir verstecken uns teilweise hinter den Werten, und manchmal vertrete ich die Hypothese, dass sich Europa einfach nicht anpassen will. Das Mercator-Institut schl\u00e4gt eine wertebasierte Verhandlung vor, als Beispiel. Das klingt vern\u00fcnftig, aber auch illusorisch \u2013 denn die W\u00e4hrung Werte z\u00e4hlt ja so nicht \u00fcberall\u2026&#8220;<\/p>\n<p>PN: \u201eNaja, hier ist auch Europa nicht ganz unbelastet. Da kommt durch die Aufarbeitung der Nachkriegszeit schon die Frage auf, wer hat mit wem kollaboriert \u2013 und damit welches Wertesystem unterst\u00fctzt. Taten z\u00e4hlen schon mehr als Worte, aber die Wertehaltung d\u00fcrfen wir keinesfalls von Anfang an verwerfen. Meiner Beobachtung zufolge hat China auch ein Problem. Denn in der chinesischen Gesellschaft fehlt ein Wertefundament, und mit ihm fehlt das Vertrauen ins Gegen\u00fcber. Immer damit rechnen zu m\u00fcssen, dass man verraten wird, dass einem jemand in den R\u00fccken f\u00e4llt, ob das nun ein Mitglied der Familie oder ein Nachbar ist, das ist wahrlich Gift f\u00fcr eine Gesellschaft. Die Religion eignet sich nicht mehr als Werkzeug. In dem Wertevakuum lautet die Devise der Regierung nun: lasst uns bessere B\u00fcrger schaffen \u2013 mit \u00dcberwachungssystemen, Social Rating und k\u00fcnstlicher Intelligenz. Der B\u00fcrger soll animiert werden, Verantwortung zu \u00fcbernehmen und selbstkontrolliert zu handeln, und da wird nachgeholfen \u2013 damit B\u00fcrger sich an Verkehrsregeln halten, M\u00fcll entsorgt wird, und nicht auf der Stra\u00dfe landet und so weiter. Die letzte Generation f\u00fchlte sich im Gegensatz zur heutigen noch als Teil des Ganzen, da war das nicht n\u00f6tig \u2013 die hat da anders gehandelt. Die zentrale Frage in der heutigen Zeit lautet somit: Wie k\u00f6nnen wir den B\u00fcrger verantwortlich machen f\u00fcr die Realisierung der Wertevorstellung? Ob das gesch\u00e4ftlich dann wirklich z\u00e4hlt oder relevant wird, das ist nochmal ein ganz anderes Thema. Meine Antwort war jetzt vielleicht etwas ausf\u00fchrlich.&#8220;<\/p>\n<p>AP: &#8222;Das darf sein. Aber mit der Antwort ist auch quasi meine n\u00e4chste Frage \u2013 welche Studie wir zusammen initiieren w\u00fcrden \u2013 bereits beantwortet: Diese Generationen-\u00fcbergreifende Studie zu China w\u00e4re ein \u00e4usserst interessantes Projekt.&#8220;<\/p>\n<p>PN: &#8222;Richtig. Das m\u00fcsste man eigentlich schnell machen, denn die \u00e4lteste Generation lebt nicht mehr lange\u2026&#8220;<\/p>\n<p><em>Pascal Nufer hat mehrere Jahre als Auslandskorrespondent f\u00fcr das Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) in China gelebt und gearbeitet. Nach seiner R\u00fcckkehr hat er einige seiner Erlebnisse in dem Buch \u201eFaszination China \u2013 Mythen, Macht und Menschen\u201d ver\u00f6ffentlicht. Er ist weiterhin f\u00fcr das SRF t\u00e4tig, und hat sich bereit erkl\u00e4rt, einige seiner Erfahrungen w\u00e4hrend seiner Chinazeit mit uns zu teilen und in einem Interview f\u00fcr United Europe einzuordnen.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zweiter Teil eines Interviews von Anna Penninger, Young Professional Advisor bei United Europe, mit Pascal Nufer, einem ehemaligen Auslandskorrespondenten f\u00fcr das Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) in China. 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