{"id":13813,"date":"2019-05-09T17:59:25","date_gmt":"2019-05-09T15:59:25","guid":{"rendered":"https:\/\/www.united-europe.eu\/?p=13813"},"modified":"2019-07-04T20:09:38","modified_gmt":"2019-07-04T18:09:38","slug":"richard-lutz-die-schiene-kann-europas-starkes-rueckgrat-sein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.united-europe.eu\/de\/2019\/05\/richard-lutz-die-schiene-kann-europas-starkes-rueckgrat-sein\/","title":{"rendered":"Richard Lutz: Die Schiene kann Europas starkes R\u00fcckgrat sein"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_14280\" aria-describedby=\"caption-attachment-14280\" style=\"width: 320px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/www.united-europe.eu\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/Lutz2_Prominent-Opinions.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-thumbnail wp-image-14280\" src=\"https:\/\/www.united-europe.eu\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/Lutz2_Prominent-Opinions-320x240.jpg\" alt=\"\" width=\"320\" height=\"240\" srcset=\"https:\/\/www.united-europe.eu\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/Lutz2_Prominent-Opinions-320x240.jpg 320w, https:\/\/www.united-europe.eu\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/Lutz2_Prominent-Opinions-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.united-europe.eu\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/Lutz2_Prominent-Opinions-560x420.jpg 560w, https:\/\/www.united-europe.eu\/wp-content\/uploads\/2019\/05\/Lutz2_Prominent-Opinions-600x448.jpg 600w\" sizes=\"auto, (max-width: 320px) 100vw, 320px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-14280\" class=\"wp-caption-text\">Dr. Richard Lutz, CEO Deutsche Bahn AG<\/figcaption><\/figure>\n<p><em>Eisenbahnen sind ein gutes Vorbild f\u00fcr die Idee der EU, sagt Deutsche-Bahn-Chef <strong>Dr. Richard Lutz<\/strong>. Und nennt acht Punkte, auf die es dabei ankommt.<\/em><\/p>\n<p>Tausende junger Menschen machen sich dieser Tage auf, um mit dem Zug Europa zu entdecken. Die EU stellt knapp 15.000 18-J\u00e4hrigen ein Interrail-Ticket zur Verf\u00fcgung, mit dem sie 30 Tage lang kreuz und quer \u00fcber den Kontinent reisen k\u00f6nnen. Kaum eine Initiative zeigt aus meiner Sicht besser auf, wie die Schiene Europa verbindet. Mobilit\u00e4t und Logistik sind die Lebensadern unserer Gesellschaft. Sie sind wesentliche Voraussetzungen f\u00fcr die Teilhabe aller B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger am gesellschaftlichen Leben, f\u00fcr umweltfreundlichen Verkehr in Zeiten des Klimawandels und f\u00fcr nationales und globales Wirtschaftswachstum. Deutschland ist das Herzst\u00fcck der Transeurop\u00e4ischen Verkehrsnetze. Sechs europ\u00e4ische Schienenverkehrskorridore verlaufen durch die Republik.<\/p>\n<p>Wer im Jahr 2001 geboren ist, kennt es nicht anders: Offene Grenzen und gut ausgebaute Verkehrsverbindungen erm\u00f6glichen freies Reisen sowie den best\u00e4ndigen Austausch von Waren und Dienstleistungen. Dass dies nicht selbstverst\u00e4ndlich ist, zeigen uns der Brexit und zunehmende nationalistische Tendenzen in einzelnen Mitgliedsl\u00e4ndern.<\/p>\n<p>Gerade in Zeiten, in denen Protektionismus, Abschottung und Angst vor dem Fremden propagiert wird, braucht es dringender denn je den Blick auf das Verbindende. Deshalb ist es mir eine Herzensangelegenheit zu sagen, was uns als Deutsche Bahn ausmacht. Wir stehen f\u00fcr ein Europa ohne Grenzen. Wir stehen f\u00fcr Vielfalt. Wir stehen f\u00fcr Toleranz. Wir stehen f\u00fcr internationale Arbeitsteilung und einen grenz\u00fcberschreitenden Warenaustausch. Allein in Deutschland arbeiten Kolleginnen und Kollegen aus \u00fcber 100 L\u00e4ndern f\u00fcr unser Unternehmen. Weltweit sind \u00fcber 330.000 Menschen in mehr als 130 L\u00e4ndern f\u00fcr die Deutsche Bahn t\u00e4tig. Auch unsere Kunden kommen aus allen Teilen der Welt. Wir als Deutsche Bahn verbinden Menschen. Kurzum, engstirniger Nationalismus oder gar Fremdenfeindlichkeit sind das Gegenteil unserer Werte.<\/p>\n<p>Wir sind ein Unternehmen mit starker europ\u00e4ischer Ausrichtung. Von Deutschland aus sind rund 150 St\u00e4dte in Europa direkt mit dem Fernverkehr erreichbar. T\u00e4glich nutzen mehr als 40.000 Fahrg\u00e4ste die rund 240 Verbindungen, von denen 50 Prozent mit dem ICE und weiteren Hochgeschwindigkeitsz\u00fcgen befahren werden. Im Schieneng\u00fcterverkehr betreiben wir ein internationales Netzwerk und sind in 17 europ\u00e4ischen L\u00e4ndern aktiv. \u00dcber 60 Prozent unseres Schieneng\u00fcterverkehrs geht \u00fcber mindestens eine Landesgrenze und reicht zum Teil weit \u00fcber Europa hinaus.<\/p>\n<p>Die Schiene ist damit ein starkes R\u00fcckgrat f\u00fcr Europa, die europ\u00e4ischen Eisenbahnen ein gutes Vorbild f\u00fcr die dahinterstehende Idee: nicht nur gute nachbarschaftliche Beziehungen, sondern gemeinsames Agieren auf europ\u00e4ische Ebene, um das Zusammenwachsen von Menschen und Wirtschaft zu unterst\u00fctzen. Anhand von acht konkreten Punkten m\u00f6chte ich darlegen, welche europ\u00e4ischen Rahmenbedingungen wir f\u00fcr eine erfolgreiche Zukunft als unerl\u00e4sslich erachten.<\/p>\n<p><strong>1. Binnenmarkt:<br \/>\n<\/strong>Als Mobilit\u00e4tsdienstleiter erf\u00fcllen wir die Grundidee des Binnenmarkts t\u00e4glich mit praktischem Leben. Wir haben ein vitales Interesse daran, dass der Binnenmarkt \u2013 auf der S\u00e4ule der vier Grundfreiheiten \u2013 reibungslos funktioniert.<\/p>\n<p>Eine Kernaufgabe der EU ist es dabei, fairen Marktzugang mit gleichen Spielregeln f\u00fcr alle in allen Mitgliedstaaten sicherzustellen und noch bestehende b\u00fcrokratische oder technische Marktzugangsbarrieren zu beseitigen. Von fr\u00fcheren nationalen Eisenbahnsystemen sind immer noch zu viele uneinheitliche Standards geblieben, von der Signaltechnik bis hin zur Betriebssprache auf Grenzstrecken, die im Sinne eines europ\u00e4ischen Eisenbahnraums harmonisiert werden sollten.<\/p>\n<p><strong>2. Faire Wettbewerbsbedingungen zwischen den Verkehrstr\u00e4gern:<\/strong><br \/>\nWirtschaftliche Rahmenbedingungen f\u00fcr Investitionen und Wachstum sollten positiv gestaltet werden. Dies bedeutet, den europ\u00e4ischen Unternehmen in ihrem jeweiligen Markt die gleichen Chancen zu bieten.<\/p>\n<p>Die Schiene steckt jedoch nach wie vor in einer paradoxen Situation: Im Schienenverkehr steigen die Kosten bei sinkenden Preisen und Margen, w\u00e4hrend die Stra\u00dfe insgesamt g\u00fcnstiger unterwegs ist. Hier ist schnelles Handeln gefragt, denn der motorisierte Individualverkehr st\u00f6\u00dft an seine Grenzen. Daher brauchen wir faire Wettbewerbsbedingungen, um die umweltfreundliche Schiene zu st\u00e4rken.<\/p>\n<p><strong>3. EU-Infrastrukturfinanzierung:<\/strong><br \/>\nDer Ausbau der Transeurop\u00e4ischen Netze ist eine Kernaufgabe der EU, bei der die Anstrengungen von Bund, L\u00e4ndern, EU und Eisenbahninfrastrukturbetreibern nahtlos ineinandergreifen. Eine leistungsf\u00e4hige Verkehrsinfrastruktur ist das R\u00fcckgrat der Wettbewerbsf\u00e4higkeit Europas, ohne die das zuk\u00fcnftige Verkehrswachstum nicht zu bew\u00e4ltigen ist.<\/p>\n<p>Aktuell wird in Br\u00fcssel der neue Vorschlag der Kommission zur Finanzierung der Infrastruktur diskutiert. Darin ist ein Volumen von 42 Mrd. \u20ac f\u00fcr den Ausbau der Transeurop\u00e4ischen Netze in den Bereichen Verkehr, Energie und Digitales vorgesehen. Dies sind gute Neuigkeiten f\u00fcr die europ\u00e4ische Verkehrswelt, denn jeder Euro, der in grenz\u00fcberschreitende Infrastruktur investiert wird, l\u00e4sst Europa und seine Menschen enger zusammenwachsen, und tr\u00e4gt zu Wachstum und Besch\u00e4ftigung bei.<\/p>\n<p><strong>4. Digitalisierung:<\/strong><br \/>\nDie Schiene muss die Chancen der Digitalisierung mit ganzer Kraft nutzen, um den Kunden ein zeitgem\u00e4\u00dfes Verkehrsangebot machen zu k\u00f6nnen. Europ\u00e4ische Initiativen sind dabei in verschiedenen Bereichen enorm wichtig. So hat die EU mit dem digitalen Zugleit- und Sicherungssystem ETCS (European Train Control System) einen entscheidenden Baustein f\u00fcr ein einheitliches europ\u00e4isches Eisenbahnnetz geschaffen. Sie sollte sich weiter f\u00fcr einen zeitnahen und harmonisierten Ausbau in allen Mitgliedstaaten einsetzen.<\/p>\n<p>Deutschland verfolgt mit dem Programm \u201eDigitale Schiene Deutschland\u201c einen konsequenten technologischen Modernisierungskurs. Durch den Einsatz von ETCS und die Digitalisierung des gesamten Systems werden wir die Kapazit\u00e4t auf dem Netz um bis zum 20 Prozent erh\u00f6hen. So werden zuk\u00fcnftig mehr Z\u00fcge fahren, gleichzeitig wird die Zuverl\u00e4ssigkeit des Verkehrs steigen und das Netz wird europ\u00e4ischer.<\/p>\n<p><strong>5. Klimaschutz:<\/strong><br \/>\nDie EU hat sich durch das Pariser Klimaschutzabkommen ehrgeizige Ziele zur Reduktion der CO2-Emissionen gesetzt. Dabei stellt insbesondere der Verkehrsbereich eine Herausforderung dar. Wir sind \u00fcberzeugt, dass eine nachhaltige Verbesserung der Emissionen nur \u00fcber eine St\u00e4rkung der gr\u00fcnen Schiene m\u00f6glich ist, denn Bahnfahren ist Klimaschutz.<\/p>\n<p>Schon heute leistet die Deutsche Bahn durch ihre eigenen Anstrengungen einen ganz unmittelbaren Beitrag zu den Klimaschutzzielen der EU. Bis zum Jahr 2030 wollen wir unsere spezifischen CO2-Emissionen \u00fcber alle weltweiten Verkehre im Vergleich zu 2006 halbieren. Bis 2050 wollen wir klimaneutral aufgestellt sein. Daf\u00fcr setzen wir konsequent auf den Einsatz erneuerbarer Energien, auf Energieeffizienz sowie auf Modernisierung, beispielsweise mit der Hybridisierung der Diesel-Flotte, der genannten Ausr\u00fcstung von Netz und Fahrzeugen mit ETCS oder mit der Entwicklung und Implementierung alternativer Antriebe.<\/p>\n<p><strong>6. Soziale S\u00e4ule:<\/strong><br \/>\nDie EU hat mit der Europ\u00e4ischen S\u00e4ule sozialer Rechte wichtige Standards gesetzt. Die Deutsche Bahn tr\u00e4gt als einer der gr\u00f6\u00dften Arbeitgeber Deutschlands eine hohe soziale Verantwortung f\u00fcr die Besch\u00e4ftigten. Dies betrifft neben den Arbeits- und Besch\u00e4ftigungsbedingungen wichtige andere Bereiche wie Ausbildung, Mitarbeiterzufriedenheit, Arbeitgeberattraktivit\u00e4t und digitale Kompetenzen. Auch in diesem Themenbereich bestehen gro\u00dfe inhaltliche \u00dcberschneidungen mit den Zielen der EU.<\/p>\n<p><strong>7. Sicherheit:<\/strong><br \/>\nDie Sicherheit der B\u00fcrger ist eines der Kernelemente der EU-Politik, da in unserer international verflochtenen Welt kein Land alleine wirksamen Schutz gew\u00e4hrleisten kann. Hier gilt es, die Zusammenarbeit der Sicherheitsbeh\u00f6rden weiter zu st\u00e4rken und einheitliche Standards zu schaffen, auch wenn die Rahmenbedingungen von Land zu Land unterschiedlich sein m\u00f6gen. Die offenen Grenzen und das offene System Schiene sind wesentlich, um die Menschen zu verbinden und sollten so wenig wie m\u00f6glich eingeschr\u00e4nkt werden.<\/p>\n<p><strong>8. Globale Stellung der EU:<\/strong><br \/>\nDie EU sollte ihre Interessen im globalen Ma\u00dfstab aktiv vertreten, in Punkten wie Marktzugang, faire Handelsbeziehungen oder Investitionsschutz und Rechtssicherheit in Drittstaaten. Denn die Schienenverbindungen reichen weit \u00fcber Europa hinaus. Auch die Deutsche Bahn ist au\u00dferhalb Europas in zahlreichen L\u00e4ndern und in unterschiedlichen M\u00e4rkten aktiv.<\/p>\n<p>Fazit: Die genannten europ\u00e4ischen Rahmenbedingungen und Initiativen sind von zentraler Bedeutung f\u00fcr den Verkehrstr\u00e4ger Schiene. Sie erm\u00f6glichen es, dass die Eisenbahn ihrer wichtigen Rolle f\u00fcr die Menschen und die Wirtschaft in Europa auch in Zukunft gerecht werden kann.<\/p>\n<p>Die angesprochenen Punkte zeigen am Beispiel der Schiene auf, dass wir in Europa gerade heute in vielen Bereichen die Bereitschaft zu mehr Integration ben\u00f6tigen. Auf der anderen Seite m\u00fcssen wir aber auch den Mut haben, nationale und regionale L\u00f6sungen dort zuzulassen, wo sie vor Ort besser gefunden werden k\u00f6nnen. Ein Europa, das sich kontinuierlich weiterentwickelt, sich aber auch hinterfragt, wird aus den Herausforderungen der heutigen Zeit gest\u00e4rkt hervorgehen.<\/p>\n<p><em>Der Artikel ist Teil der Artikelserie \u201e<strong>Europa kann es besser. Wie unser Kontinent zu neuer St\u00e4rke findet. Ein Weckruf der Wirtschaft<\/strong>\u201c. Sie erscheint bis zur <strong>Europawahl<\/strong> im <strong>Handelsblatt<\/strong> auf Deutsch und in Deutsch und Englisch auf <strong>Handelsblatt Online<\/strong> und der Website von <strong>United Europe<\/strong>. Die Texte sind auch in einem <strong>Buch<\/strong> zusammengefasst, das am 15. April 2019 im <strong>Herder-Verlag<\/strong> erschienen ist. Weitere Informationen \u00fcber das Buch finden Sie <a href=\"https:\/\/www.herder.de\/geschichte-politik-shop\/europa-kann-es-besser-gebundene-ausgabe\/c-34\/p-15322\/\">hier<\/a>.<\/em><\/p>\n<p><strong>\u00dcber Dr. Richard Lutz:<\/strong><br \/>\nRichard Lutz wurde am 6. Mai 1964 als Sohn einer Eisenbahnerfamilie geboren. Nach dem Studium der Betriebswirtschaftslehre arbeitete er zun\u00e4chst als Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl f\u00fcr Betriebswirtschaftslehre an der Universit\u00e4t Kaiserslautern, wo er 1998 promovierte.<br \/>\nSeit 1994 ist Richard Lutz bei der Deutschen Bahn AG t\u00e4tig. In den folgenden Jahren \u00fcbte er verschiedene f\u00fchrende Positionen sowie strategische Projektleitungen im Vorstandsressort Finanzen \/ Controlling aus.<br \/>\n2003 folgte die Leitung des Bereichs Konzerncontrolling. Im April 2010 wurde Richard Lutz zum Vorstand Finanzen und Controlling berufen. Diese Position verantwortete er bis Ende 2018.<br \/>\nRichard Lutz ist seit M\u00e4rz 2017 Vorsitzender des Vorstands der DB AG. Sein besonderes Augenmerk liegt auf der Transformation der DB, die er gemeinsam mit seinem Vorstandsteam konzernweit vorantreibt. Das Ziel ist ebenso klar wie ehrgeizig: Die Deutsche Bahn in all ihren Facetten und mit all ihren Vorz\u00fcgen und Chancen erfolgreich in die Zukunft zu f\u00fchren.<br \/>\nLutz ist verheiratet und hat drei erwachsene Kinder.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eisenbahnen sind ein gutes Vorbild f\u00fcr die Idee der EU, sagt Deutsche-Bahn-Chef Dr. Richard Lutz. 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