{"id":13192,"date":"2019-03-03T21:54:10","date_gmt":"2019-03-03T20:54:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.united-europe.eu\/?p=13192"},"modified":"2019-03-20T19:00:53","modified_gmt":"2019-03-20T18:00:53","slug":"talk-macht-und-verantwortung-welche-rolle-spielen-fuehrungskraefte-in-europaeischen-politischen-debatten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.united-europe.eu\/de\/2019\/03\/talk-macht-und-verantwortung-welche-rolle-spielen-fuehrungskraefte-in-europaeischen-politischen-debatten\/","title":{"rendered":"Talk: Macht und Verantwortung: Welche Rolle spielen F\u00fchrungskr\u00e4fte in europ\u00e4ischen politischen Debatten?"},"content":{"rendered":"<p><strong>\u201eMacht und Verantwortung: Welche Rolle spielen F\u00fchrungskr\u00e4fte in europ\u00e4ischen politischen Debatten?\u201c<\/strong> lautete der Titel einer Diskussion, die United Europe am<strong> 2. M\u00e4rz<\/strong> im Rahmen des <strong>F(EU)TURE Festivals<\/strong> im <strong>CLB Berlin (Aufbauhaus)<\/strong> veranstaltet hat.<\/p>\n<p>Auf dem Podium sa\u00dfen <strong>Simone Menne<\/strong>, Managerin und Multi-Aufsichtsr\u00e4tin und 2012 erster weiblicher Finanzvorstand eines DAX-Konzerns (Lufthansa), <strong>Henrik Schmitz<\/strong>, Vice President Communication Strategy bei der Deutschen Telekom, und <strong>Christian Schubert<\/strong>, Leiter des Hauptstadtb\u00fcros der BASF. Moderiert wurde der Talk von der bekannten Politikwissenschaftlerin und Buchautorin <strong>Prof. Dr. Ulrike Gu\u00e9rot<\/strong>, Gr\u00fcnderin und Direktorin des <strong>European Democracy Labs<\/strong>, das mit dem F(EU)ture Festival seinen f\u00fcnften Geburtstag feierte.<\/p>\n<p>In der \u00e4u\u00dferst angeregten Debatte ging es um die Frage, ob europ\u00e4ische Vorst\u00e4nde, Unternehmer und F\u00fchrungskr\u00e4fte politisch Position beziehen und sich \u00f6ffentlich zu europ\u00e4ischen Belangen \u00e4u\u00dfern, sich mehr in die Politik einmischen und offensiv f\u00fcr Europa k\u00e4mpfen sollen, wie es unter anderem bereits <strong>Ren\u00e9 Obermann<\/strong> und United-Europe-Gr\u00fcnder <strong>J\u00fcrgen Gro\u00dfmann<\/strong> gefordert haben. Oder ob sie sich aus der Politik heraushalten sollten, weil sie prim\u00e4r die Unternehmenssicherheit retten und damit nicht (Europa-) politisch agieren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Aus dieser Fragestellung entwickelte sich ein engagierter Diskurs \u00fcber Erwartungen, die an Manager gestellt werden und das Misstrauen, das ihnen entgegengebracht wird, \u00fcber die m\u00f6gliche politische und soziale Verantwortung sowie die H\u00fcrden, die die Europ\u00e4ische Politik sowohl Unternehmen als auch den B\u00fcrgern auf dem Weg zu einem wirklichen vereinten Europa in den Weg stellt.<\/p>\n<p><strong>Ulrike Gu\u00e9rot<\/strong> er\u00f6ffnete die Diskussion mit der Bemerkung, dass ihrer Meinung nach F\u00fchrungskr\u00e4fte und Aufsichtsr\u00e4te auch immer B\u00fcrger seien und sich von daher selbstverst\u00e4ndlich in politische Debatten einmischen sollen und sogar m\u00fcssen. Sich als Unternehmen aus einem Prozess herauszunehmen, \u201eder notwendigerweise ein gesamtgesellschaftlicher ist\u201c, findet sie \u201eintuitiv falsch\u201c.<\/p>\n<p>Telekom-Sprecher <strong>Henrik Schmitz<\/strong> betonte die Rolle von Unternehmen als Corporate Citizens, die auch immer ein Spiegel der Gesellschaft seien. So sieht sich die Telekom als \u201eEinwohner mit gesellschaftlichem Engagement\u201c, zum Beispiel durch das Sponsern von Sport- und Kulturveranstaltungen, durch die Schaffung von Arbeitspl\u00e4tzen und die Einrichtung von Kitas, um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu erm\u00f6glichen, und nat\u00fcrlich auch als B\u00fcrger Europas, \u201eweil wir in europ\u00e4ischen M\u00e4rkten t\u00e4tig sind und europ\u00e4ische Werte vertreten.\u201c Unternehmen befinden sich in diesem Bereich aber auch im Zwiespalt: Etwas Gutes tun bedeutet auch Imagewerbung f\u00fcr das Produkt, so Schmitz, weshalb man gesellschaftliches Engagement \u2013 zum Beispiel vor den Aktion\u00e4ren \u2013 auch immer begr\u00fcnden m\u00fcsse.<\/p>\n<p><strong>Simone Menne<\/strong> glaubt, dass Unternehmen die Aufgabe haben, Verbindungen herzustellen, was aber viel zu selten stattfinde. Unternehmen haben ein hohes Interesse an Globalisierung und an Europa, weil das ihr Markt sei. Trotzdem sei es f\u00fcr viele zu heikel, sich zu einer europ\u00e4ischen Finanz- oder Steuerpolitik zu \u00e4u\u00dfern, weil dies automatisch eine Parteinahme f\u00fcr eine Partei und\/oder einen Politiker bedeuten w\u00fcrde, die erstes zu Verallgemeinerungen im Sinne der Zustimmung zum gesamten Parteiprogramm f\u00fchren k\u00f6nnte und auch als Abwendung von anderen Parteien interpretiert werde.<\/p>\n<p>Auch <strong>Christian Schubert<\/strong> meint, dass sich Unternehmen und Unternehmensf\u00fchrer in die \u00f6ffentliche Debatte einbringen m\u00fcssen. Jeder Manager sei auch ein B\u00fcrger, aber \u2013 \u00e4hnlich wie Politiker \u2013 \u00e4u\u00dfere sich kein CEO rein als B\u00fcrger, sondern spreche immer als Repr\u00e4sentant einer Firma. Deshalb m\u00fcssen Manager und CEOs immer besonders vorsichtig mit \u00c4u\u00dferungen sein und sie genau abw\u00e4gen, weil die \u00d6ffentlichkeit Meinungen der Privatperson nicht von der des Unternehmensleiters trenne.<\/p>\n<p>Schubert sagt, dass die Beteiligung an Debatten letztlich aus dem Unternehmenszweck und der Unternehmensaufgabe herauskomme. Der Unternehmenszweck der BASF nenne sich Chemie f\u00fcr eine nachhaltige Zukunft, die im Zentrum der Unternehmensstrategie stehe. Europa habe f\u00fcr die BASF eine hohe Relevanz, weil hier die H\u00e4lfte des Umsatzes entsteht und \u00fcber die H\u00e4lfte der Mitarbeiter t\u00e4tig seien. Gerade in diesen Zeiten merken alle Unternehmen, wie wichtig der Heimatmarkt sei, so Schubert.<\/p>\n<p>Gesellschaftliches Engagement gehe heute weit \u00fcber kulturelle und soziale Spendenengagements hinaus, sondern drehe sich darum, welchen Beitrag ein Unternehmen f\u00fcr die Gesellschaft leiste. Die BASF habe deshalb das Pilotkonzept \u201eValue to Society\u201c entwickelt, in dem sowohl untersucht wird, welchen Nutzen die BASF f\u00fcr die Gesellschaft weltweit schafft, aber auch, welche Kosten sie als Chemieunternehmen verursache, eine Tatsache, vor der niemand in der BASF-Konzernleitung die Augen verschlie\u00dfe. Das gehe \u201ewirklich an den Kern der Unternehmensaktivit\u00e4ten und dazu geh\u00f6rt zwingend, dass man sich an dieser \u00f6ffentlichen Debatte beteiligt\u201c, so Schubert. \u201eErreichen k\u00f6nnen wir nur etwas, indem wir Partnerschaften eingehen. Wir k\u00f6nnen nicht gegen die Gesellschaft agieren. Wir m\u00fcssen integriert sein und enge Partnerschaften haben mit allen sozialen und gesellschaftlichen Gruppen, um langfristig erfolgreich zu sein.\u201c<\/p>\n<p>Schubert glaubt, \u201edass wir an einem Punkt sind, an dem es wichtig ist, f\u00fcr Europa zu k\u00e4mpfen.\u201c Um das auch in die Belegschaft zu bringen, organisiert die BASF f\u00fcr ihre Mitarbeiter an verschiedenen Standorten EU-Dialoge. Gleichzeitig geht sie an die \u00d6ffentlichkeit und redet \u00fcber Europa, auch mit Bezug zum Unternehmen durch Themen wie Innovation, Industriepolitik, die eine gro\u00dfe Ausstrahlung in viele andere Bereiche haben. Zudem wird der Verband der Chemischen Industrie vor der EU-Wahl eine Anzeigenkampagne mit dem Aufruf starten: Geh w\u00e4hlen! Das sei keine parteipolitische Empfehlung, sondern ein neutraler Aufruf, um auf die Europa-Wahlen aufmerksam zu machen.<\/p>\n<p>Beim Thema Wettbewerbsf\u00e4higkeit sei das gr\u00f6\u00dfte Problem der EU, dass sie noch immer kein einheitlicher Binnenmarkt sei. So sei Europa beim Thema Start-Ups vor allem deshalb nicht erfolgreich, weil in jedem Land andere Gesetze und Regeln gelten. Daraus erw\u00e4chst die spannende Frage, inwieweit es eine europaweite Steuer- und Finanzpolitik geben muss, um als Europa erfolgreich zu sein. Die Unternehmen halten sich bei dieser Frage bisher eher zur\u00fcck, weil sie nicht wissen, wie sich das f\u00fcr sie selbst auswirkt und was es f\u00fcr sie bedeutet.<\/p>\n<p>Schmitz brachte das Dilemma von Unternehmen auf den Punkt, als er sagte, dass die Telekom daf\u00fcr stehe, Menschen zu verbinden, es aber trotzdem Funkl\u00f6cher gebe. Dass sie zu Demokratie und europ\u00e4ischen Werte steht, aber trotzdem auch in L\u00e4ndern aktiv ist, in denen diese Werte nicht viel gelten. Aber auch dort wollen Menschen telefonieren und im Web surfen, und vielleicht, so Schmitz, \u201etr\u00e4gt das mehr zu einem Demokratisierungsprozess bei, als wenn man dort die L\u00e4den schlie\u00dft\u201c.\u00a0 Der Grat der Glaubw\u00fcrdigkeit sei in diesen F\u00e4llen ein sehr schmaler, weshalb man extrem darauf achte, glaubw\u00fcrdig zu bleiben.<\/p>\n<p>Simone Menne merkt an, dass es heute kaum noch m\u00f6glich ist, Dispute zu f\u00fchren und verschiedene Meinungen zuzulassen und sachlich zu diskutieren. \u00a0Alles endet im Shitstorm und in Emp\u00f6rungsdebatten. Deshalb sei die gro\u00dfe Sorge von Unternehmen und Managern, dass \u00c4u\u00dferungen einen gro\u00dfen Shitstorm inklusive Bedrohungen gegen die Familie nach sich ziehen, wie es zum Beispiel bei Joe Kaeser der Fall war, als er sich auf Twitter gegen die AfD ge\u00e4u\u00dfert hat.<\/p>\n<p>Schubert r\u00e4t CEOs davon ab, sich in kurzfristige tagesaktuelle Themen einzumischen, schon, um sich nicht dem \u201eHysterie-Ausschlag\u201c in den sozialen Medien auszusetzen. Es gehe um langfristige Entwicklungen und Themen, wozu auch das Thema Europa geh\u00f6re.<\/p>\n<p>Gu\u00e9rot wirft die Frage in die Runde, wie es gelingen k\u00f6nne, aus einer EU, die bisher eher ein Standortwettbewerb von 28 bzw. bald 27 Nationalstaaten sei und in denen jeder seinem Standort- und Steuervorteil nachgehe, ein gemeinschaftliches Projekt zu machen, in dem sich eine politische Union, Demokratie, Europa der B\u00fcrger realisieren lasse. Wie sich das Spannungsverh\u00e4ltnis zwischen der EU als Gesch\u00e4ftsmodell und dem Europa der B\u00fcrger \u00fcberbr\u00fccken lasse. Im Moment, so Gu\u00e9rot, werden gerade die Citizens of Europe als gro\u00dfe Sollbruchstelle des Europ\u00e4ischen Projekts entdeckt, und die Frage sei, wie man sie mit dem Binnenmarktgesch\u00e4ftsmodell verbinde, mit dem die EU mal an den Start gegangen sei.<br \/>\nDie Idee zu Europa scheint ein bisschen verloren gegangen zu sein, so Schubert. Der Brexit sei ein guter Aufr\u00fcttler, der einem bewusst mache, was man potenziell verlieren kann. Vielleicht m\u00fcsse man auch einmal die \u201eFahrradthese\u201c \u00fcberpr\u00fcfen, dass Europa \u201ewie ein Rad immer vorw\u00e4rtsfahren muss, weil es sonst umf\u00e4llt. Vielleicht fahren wir mit dem Rad seit vielen Jahren auch einfach nur im Kreis.\u201c Er glaubt, dass sich im Moment sehr viele Menschen abgekoppelt f\u00fchlen, nicht nur wirtschaftlich, sondern auch sozial und kulturell. Deshalb sei es wichtig, auf die Marktpl\u00e4tze zu gehen und zu diskutieren, um wieder ein gemeinschaftliches proeurop\u00e4isches Gef\u00fchl herzustellen. Bisher finde die Diskussion \u00fcber Europa vor allem innerhalb der Eliten statt, in der eine gro\u00dfe Einigkeit \u00fcber die Bedeutung Europas herrsche. Die Frage, wie wir es schaffen, Europa so zu gestalten, dass wirklich alle mitkommen, werde zu wenig diskutiert.<\/p>\n<p>Schmitz merkt an, dass der Kick, der Europa zusammenh\u00e4lt, nicht nur die Friedens- und Wertegemeinschaft, Schengen und keine Grenzen sei, sondern auch der Wohlstand, den diese Gesellschaft erwirtschaftet und vor allem auch verteilt. Hier w\u00fcrden Unternehmen eine sehr wichtige Aufgabe erf\u00fcllen. Und wenn innerhalb Europas zwischen den einzelnen Nationalstaaten Wettbewerb stattfindet, gehe in der Tat viel verloren. \u00d6konomische Interessen w\u00fcrden sich aber nicht zwischen Nationalstaaten aufteilen, sondern zwischen Clustern und Regionen. Das w\u00fcrde Interessenkonflikte auf andere Ebenen verlagern, w\u00fcrde aber auch andere Allianzen erm\u00f6glichen und dadurch Cluster als solches st\u00e4rken, die wiederum einzelne Kompetenzen herausarbeiten k\u00f6nnen. Siehe Silicon Valley, das ja auch nicht Amerika sei, sondern eben das Silicon Valley.<\/p>\n<p>Menne erinnert daran, dass es anfangs vollkommen in Ordnung war, dass die EU aus unterschiedlichen L\u00e4ndern mit unterschiedlichen Wettbewerbsvorteilen bestand, weil lange alle davon profitiert haben. Heute ist es schwer oder gar unm\u00f6glich f\u00fcr Unternehmen, sich gegen das irische Steuersparmodell zu entscheiden, w\u00e4hrend alle anderen es nutzen. Dann sind Ryanair und EasyJet superbillig, Lufthansa aber nicht. Es werde auch immer wieder intensiv diskutiert, ob man wegen der politischen Situation zum Beispiel ein Werk in Ungarn aufmachen d\u00fcrfe. Sei das gut, weil man durch Arbeitspl\u00e4tze und dadurch erwachsenen Wohlstand bei den Menschen mehr demokratisches Denken reinbringt oder f\u00f6rdert man dadurch ein undemokratisches System? Das zu l\u00f6sen k\u00f6nne nur von solidarischen B\u00fcrgern ausgehen, weil die Nationalstatten selbst sich in einer Spirale befinden und zudem kein Interesse an einer L\u00f6sung haben.<br \/>\nDurch einen intensiveren Austausch von Arbeitskr\u00e4ften und offene Grenzen k\u00f6nne es gelingen, eine Solidarit\u00e4t innerhalb der europ\u00e4ischen B\u00fcrger herzustellen. Ebenso durch eine europaweit einheitliche Steuer- und Finanzgesetzgebung und einem europ\u00e4ischen Finanzminister. Zurzeit stehe sich Europa durch den internen Wettbewerb nur selbst im Weg. Es k\u00f6nne nur durch gemeinsame Gr\u00f6\u00dfe und gemeinsame Unternehmens- und Industriepolitik sowie Innovationsf\u00f6rderung den n\u00e4chsten Schritt hin zu einer wahren Union machen.<\/p>\n<p>Gu\u00e9rot betonte, dass es auch innerhalb Deutschland Einkommensunterschiede g\u00e4be und dennoch alle demselben Steuer- und Sozialsystem unterliegen. Diese Angleichung, so Gu\u00e9rot, m\u00fcsse auf ganz Europa ausgeweitet werden, um einem wirklichen Binnenmarkt und sozialer Gerechtigkeit n\u00e4her zu kommen. Dazu sei eine europ\u00e4ische Sozialversicherungsnummer und eine europ\u00e4ische Arbeitslosenversicherung notwendig, wie sie k\u00fcrzlich auch von Olaf Scholz vorgeschlagen worden ist. Das w\u00fcrde Debatten, ob \u201edie Griechen\u201c von \u201eden Deutschen\u201c Geld bekommen oder nicht, gar nicht erst entstehen lassen, weil Solidarit\u00e4t damit institutionalisiert sei.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Finanzierung dieses Modells brauche man eine offensive europ\u00e4ische Industrie, die sich als Treiber eines sozio\u00f6konomischen Prozesses versteht. Die Panelteilnehmer stimmten zu, dass das ein Weg sein k\u00f6nne, um Europa wieder wettbewerbsf\u00e4higer zu machen. Das h\u00e4tte f\u00fcr Unternehmen den Vorteil, dass sie Europa als ganzheitliches System denken k\u00f6nnen und nicht als ein Europa, in dem es 27 verschiedene Systeme zur Sozialversicherungsabrechnung gibt. Das bedeutet f\u00fcr globale Unternehmen, die in verschiedenen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern t\u00e4tig sind, einen immensen Aufwand und damit einen Nachteil. Damit w\u00fcrden auch Diskussionen wie die um die gescheiterte Fusion zwischen Siemens und Alstrom auf ein anderes Niveau gehoben und unter einem gesamteurop\u00e4ischen Wettbewerbsrecht betrachtet, womit es vermutlich erlaubt worden w\u00e4re.<\/p>\n<p>Ein gro\u00dfes Problem sei jedoch das Misstrauen in der Bev\u00f6lkerung gegen die Industrie, der man eher eigene wirtschaftliche Interessen unterstellt als das Interesse an dem Wohl der B\u00fcrger und einem funktionierenden Europa. Zudem fehle eine \u201eStory\u201c zu Europa, eine gemeinsame Identit\u00e4t und eine Europ\u00e4ische \u00d6ffentlichkeit. Um das herzustellen, m\u00fcsse der Austausch zwischen der Bev\u00f6lkerung verschiedener europ\u00e4ischer L\u00e4nder verst\u00e4rkt werden, zwischen St\u00e4dten, Schulen, Vereinen und Berufsgruppen, um die Lebenswirklichkeit in den anderen L\u00e4ndern kennenzulernen. Es sei auch eine Aufgabe und Chance f\u00fcr Unternehmen, die ja in verschiedenen L\u00e4ndern operieren, hier t\u00e4tig zu werden und den Austausch in ihrer Mitarbeiterschaft zu intensivieren.<\/p>\n<p>Deshalb ein dringender Appell aus der Runde an die europ\u00e4ische Politik, endlich europ\u00e4ische Gr\u00f6\u00dfe zuzulassen, wenn Europa von den USA oder China nicht komplett abgeh\u00e4ngt werden soll. Dazu geh\u00f6re auch eine Vereinheitlichung von Ausbildungswegen, damit Ausbildungen von Fachkr\u00e4ften auch in anderen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern anerkannt werden.<br \/>\nAuch im Bereich der Infrastruktur hat die EU ein gro\u00dfes Problem: weder im Zug-, noch im Flug- oder Kfz-Verkehr gibt es ein gemeinsames System, was einen wirklichen gemeinsamen europ\u00e4ischen Binnenmarkt bis heute unm\u00f6glich macht.<\/p>\n<p>Ulrike Gu\u00e9rot glaubt, dass in dem Moment, wo sich Europa \u00fcber ein gemeinsames Renteneintrittsalter einigen muss, von heute auf morgen eine europ\u00e4ische \u00d6ffentlichkeit entst\u00fcnde. Sie erinnert an die letzten Erfolgsprojekte der Europ\u00e4ischen Union \u2013 ein gemeinsamer Markt und eine gemeinsame W\u00e4hrung \u2013, die nur deshalb zustande gekommen sind, weil Industrie und Banken massiv dahinterstanden. Nun, so Gu\u00e9rot, sollten sich Unternehmen und Industrie an die Spitze einer Bewegung stellen, um die Europ\u00e4ische Union durch ein gemeinsames Sozialversicherungs- und Steuersystem zu vollenden. In Deutschland sei es erst mit einer gemeinsamen Kranken-, Renten- und Arbeitslosenversicherung gelungen, eine Nation zu schaffen. Warum solle das in Europa nicht auch m\u00f6glich sein?<\/p>\n<p>Schubert gibt die demografische Entwicklung zu bedenken. In naher Zukunft m\u00fcssen immer weniger junge Menschen die Rente von immer mehr alten finanzieren. Das k\u00f6nnte die Zukunft Europas \u00fcberfordern. Und ob Unternehmen die richtigen seien, sich an die Speerspitze einer solchen Forderung zu stellen, sei ebenfalls in Frage gestellt. Dazu sitze der Argwohn, dass Unternehmen in erster Linie ihre eigenen Interessen verfolgen, zu tief. Vielleicht, so Gu\u00e9rot, m\u00fcsse man \u00fcber neu gedachte Gesellschaftsmodelle einen gesellschaftlichen Transformationsprozess innerhalb Europas abbilden und den nicht mehr national gegeneinander ausspielen, sondern die notwendige Transformation von der Industrie- in die Digitalgesellschaft und den damit einhergehenden Vergesellschaftungsprozess in neu gedachten europ\u00e4ischen Sozialsystemen abbilden.<\/p>\n<p>Nach einer anschlie\u00dfenden intensiven Fragerunde mit dem Publikum endete die Diskussion mit dem Fazit:<br \/>\n&#8211; Solidarit\u00e4t, B\u00fcrger- und Unternehmensinteressen sind kein Widerspruch.<br \/>\n&#8211; Wir k\u00f6nnen uns verbinden, wenn wir das Verbindende in Europa weiter vorantreiben.<br \/>\n&#8211; Internes Wettbewerbsrecht darf nicht mit den externen Interessen Europas kollidieren.<br \/>\n&#8211; Infrastrukturprogramme m\u00fcssen europ\u00e4isiert werden, sei es bei Frequenzen, Verkehr oder Handel.<br \/>\n&#8211; Wir m\u00fcssen nicht nur in den Bereichen Technologie und Wirtschaft neue innovative Methoden finden, sondern auch im Bereich von neuen Sozialmodellen, um aus der Koppelung von beidem ein geeintes Europa zu schaffen, das B\u00fcrger und Unternehmen gemeinsam tragen.<\/p>\n<p>Eine Fortsetzung der Diskussion ist angestrebt.<\/p>\n<p>Fotos: \u00a9Frieder Unselt<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eMacht und Verantwortung: Welche Rolle spielen F\u00fchrungskr\u00e4fte in europ\u00e4ischen politischen Debatten?\u201c lautete der Titel einer Diskussion, die United Europe am 2. 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